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12.05.2014

19:47 Uhr

Befragung im Middelhoff-Prozess

„Ich suche keine Widersprüche, ich sehe welche“

VonLisa Hegemann

Nach einem kuriosen Start kommt es im Untreue-Prozess gegen Thomas Middelhoff doch noch zu dessen Befragung. Der Vorsitzende Richter hat viele Fragen – doch nur wenige davon kann der Ex-Arcandor-Chef auch beantworten.

Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff spricht am zweiten Prozesstag mit seinem Rechtsanwalt Hartmut Fromm: Die Staatsanwaltschaft Bochum wirft dem ehemaligen Topmanager vor, den Karstadt-Mutterkonzern Arcandor zu Unrecht mit betriebsfremden Kosten in Höhe von rund 1,1 Millionen Euro belastet zu haben. dpa

Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff spricht am zweiten Prozesstag mit seinem Rechtsanwalt Hartmut Fromm: Die Staatsanwaltschaft Bochum wirft dem ehemaligen Topmanager vor, den Karstadt-Mutterkonzern Arcandor zu Unrecht mit betriebsfremden Kosten in Höhe von rund 1,1 Millionen Euro belastet zu haben.

EssenEs ist wohl eine der schnellsten Anklageverlesungen, die die deutsche Rechtsgeschichte gesehen hat. Nachdem das Landgericht Essen den Prozessauftakt gegen den früheren Arcandor-Chef Thomas Middelhoff wiederholen ließ, legte die Staatsanwaltschaft Bochum ein Redetempo vor, dem selbst geübte Schnellsprecher nur schwer folgen konnten. Es war der Versuch, ein wenig von der Zeit einzusparen, die nun auf die doppelte Anklageverlesung verschwendet wurde. Und es gelang: Statt anderthalb Stunden wie bei der ersten Verlesung am Dienstag verkürzte die Staatsanwaltschaft ihren Vortrag auf eine Stunde.

Für den zweiten Prozesstag am Essener Landgericht im Untreue-Verfahren gegen Thomas Middelhoff stand am Montag eigentlich die Befragung des Angeklagten auf dem Programm. Doch wegen eines Verfahrensfehlers musste die Anklageschrift sowie Middelhoffs Erklärung vom Dienstag noch einmal verlesen werden. Das Gericht hatte es versäumt, einen Kammerbeschluss gegen die mögliche Befangenheit einer Schöffin herbeizuführen. Das wurde am Montag nachgeholt, genauso wie der erste Prozesstag im Eiltempo.

Dem Redetempo des Staatsanwalts schloss sich nämlich auch Thomas Middelhoff an – nicht, ohne jenem „hohen Respekt“ für sein hohes Tempo zu zollen. Statt des Vortragstons vom Dienstag ratterte der Ex-Arcandor-Chef seine Worte herunter. Trotzdem war der halbe Prozesstag vorbei, als die Wiederholung geschafft war.

Doch bevor das Gericht den 61-jährigen Angeklagten befragen konnte, grätschten seine beiden Anwälte mit Erklärungen dazwischen. Sie sollten die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft widerlegen, zählten aber letztlich nur zu den üblichen juristischen Spitzfindigkeiten, die sich Verteidiger gerne einfallen lassen.

Die Rechsstreitigkeiten des Thomas M.

Charterflüge

Die Staatsanwaltschaft Bochum wirft dem 61-Jährigen Untreue in 49 Fällen vor. In dem Strafverfahren vor dem Essener Landgericht geht es vor allem um Charterflüge auf Firmenkosten, die von Arcandor bezahlt worden waren, obwohl sie laut Staatsanwaltschaft privaten Zwecken dienten. Middelhoff hatte öffentlich erklärt, er habe sich korrekt verhalten.

Sal. Oppenheim

Das Kölner Institut Sal. Oppenheim hatte das Ehepaar Middelhoff Ende 2013 auf knapp 78 Millionen Euro verklagt. Kredite seien nicht zurückgezahlt worden. Zuvor hatte Middelhoff seinerseits die Bank auf 101 Millionen Euro verklagt.

Arcandor I

Im September 2013 erklärte das Landgericht Essen, es halte einen Sonderbonus, den der Manager kurz vor seinem Arcandor-Ausscheiden erhielt, für nicht gerechtfertigt. Er soll rund 3,4 Millionen Euro an den Insolvenzverwalter zahlen, hat aber Berufung angekündigt.

Arcandor II

Der 61-Jährige verlangt seinerseits von den Insolvenzverwaltern wegen angeblichen Rufmords Schadenersatz in Höhe von 120 Millionen Euro. Gegen einen entsprechenden Mahnbescheid haben die Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg und Hans-Gerd Jauch Widerspruch eingelegt. Sie hatten Middelhoff und andere Arcandor-Manager auf Schadenersatz von insgesamt 175 Millionen Euro verklagt, unter anderem wegen angeblicher Managementfehler. Der Prozess vor dem Oberlandesgericht Hamm könnte Jahre dauern.

Josef Esch

Mit seinem ehemaligen Vermögensverwalter Josef Esch liegt Middelhoff ebenfalls im Clinch. Im Streit um Unterhaltskosten für seine Luxusyacht einigten sich Middelhoff und Esch im Jahr 2012 außergerichtlich auf eine Zahlung von 2,5 Millionen Euro, Frist 30. September 2013. Überwiesen hat Middelhoff bis heute nicht, Esch geht gerichtlich gegen Middelhoff vor. Middelhoff selbst will von seinem Ex-Vermögensverwalter 33 Millionen Euro, weil der ihn falsch beraten und sein Privatvermögen riskiert haben soll.

Zur Befragung kam es aber doch noch. Middelhoff musste sich für eine Festschrift und ein Symposium rechtfertigen, die er in Auftrag gab und die Arcandor am Ende 180.000 Euro kosteten. Der frühere Konzernchef hatte anlässlich des 70. Geburtstages seines Mentors Mark Wössner entsprechende Pläne auf Kosten des Unternehmens verwirklichen lassen. Die Staatsanwaltschaft bewertete dies als persönliches Geschenk von Middelhoff.

Der 61-Jährige hingegen argumentierte, im Unternehmensinteresse gehandelt zu haben. Das Symposium sei ein voller Erfolg gewesen, es habe die Auftaktveranstaltung von einer Reihe solcher Treffen sein sollen und sollte Arcandor eine Plattform bieten, so Middelhoff.

Auch den Vorwurf, er habe die Festschrift und das Symposium selbst bezahlen wollen, wies er zurück. Das stimme zwar, allerdings habe er mit einer Broschüre im Wert von 20.000 oder 30.000 Euro geplant. Erst, als die Kosten bei rund 120.000 Euro lagen, habe sich bei ihm der Gedanke entwickelt: „Das ist jetzt nicht mehr das, was ursprünglich vorgesehen war.“ Auf einem Abendessen mit den Vorständen habe er dies auch angesprochen, dort habe es Zustimmung für das Projekt gegeben und für seinen Vorschlag, die Kosten zu zwei Dritteln Arcandor zu Lasten zu legen. Das andere Drittel wollte Middelhoff mit weiteren Teilnehmern des Symposiums zahlen.

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