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03.01.2007

08:00 Uhr

Benjamin Steinbruch

Stahlbaron auf brasilianisch

VonAlexander Busch

Benjamin Steinbruch kämpft mit seiner CSN um die Übernahme des britisch-niederländischen Corus-Konzerns. Für die europäische Wirtschaft war CSN bislang weißes Blatt, genauso wie sein Eigentümer.

Stahlarbeiter am Hochofen. Symbolfoto: dpa

Stahlarbeiter am Hochofen. Symbolfoto: dpa

SAO PAULO. Wer glaubt, dass Menschen sich nicht ändern, der sollte einen Blick auf das Leben von Benjamin Steinbruch werfen. Schöne Frauen, Sportwagen, Rennpferde – das waren seine Hauptinteressen bis Mitte 30. In Rio de Janeiro gehört das durchaus zum normalen Leben der Jeunesse dorée. Der väterliche Textilbetrieb ermöglichte ihm ein sorgloses Bossa-Nova-Leben am Zuckerhut in den Nobelvierteln Ipanema und Leblon. Lieber wäre er ohnehin Basketball-Profi geworden.

Mehr nebenbei studierte er Betriebswirtschaft und Marketing an der renommierten Getúlio-Vargas-Stiftung. Die Krise des elterlichen Unternehmens Mitte der 80er brachte die Wende. Als die brasilianische Wirtschaft abrutschte, übernahm er Stück für Stück Verantwortung – und kehrte sich ab vom süßen Leben. Bald darauf war er der Vorstandschef.

Das lag nicht an einem schlagartigen Interesse an Tuchen und Stoffen: Der Familienkonzern dient ihm nur als Spielstein für Größeres. Wie einen Jeton beim Roulette setzt er den familiären Textilbetrieb ein bei den Privatisierungen des Landes. 1993 kauft er die abgewirtschaftete Stahlschmelze Companhia Siderúrgica Nacional (CSN) aus dem Staatsbesitz. Obwohl seine Textilgruppe nur knapp 15 Prozent am Gesamtkonzern besitzt, kontrolliert er schnell den Konzern. Und vielleicht folgt nun der dritte Abschnitt im wechselvollen Leben des Benjamin Steinbruch: die Phase des global aktiven Strategen.

Denn Mitte November hat sich Steinbruch überraschend in die schon beschlossene Übernahme des britisch-niederländischen Stahlkonzerns Corus durch den indischen Konkurrenten Tata Steel eingeschaltet. „Unsere Übernahme macht mehr Sinn als der Deal mit Tata“, erklärte Steinbruch selbstbewusst. Seitdem tobt zwischen den etwa gleich großen Stahlkonzernen aus den Emerging Markets ein Bietergefecht um die nach Umsatz viermal größere Corus. Gestern berichtete die indische „Economic Times“, Tata wolle sein Gebot innerhalb der kommenden zwei Wochen nochmals um sieben bis zehn Prozent erhöhen.

Für die europäische Wirtschaft ist CSN ein weißes Blatt, genauso wie sein Eigentümer. In der Unternehmerschaft Brasiliens genießt Steinbruch dagegen hohes Ansehen. Die einst marode CSN hat er saniert, heute ist sie der zweitgrößte Stahlkonzern Brasiliens mit einer der höchsten Rentabilitäten in der Branche weltweit: Laut dem Fachblatt „World Steel Dynamics“ erwirtschaftet CSN 399 Dollar Profit pro Tonne Stahl vor Steuern und Abschreibungen. Corus kommt auf 45 Dollar.

Unumstritten ist Steinbruch aber in Brasilien nicht. Kritiker werfen ihm vor, er handele wie ein Spieler: Immer wieder erhöhe er den Einsatz – und das könne schnell schief gehen. Energieverteiler, Telekomlizenzen, Eisenbahnstrecken hat er bereits gekauft. Vor zehn Jahren übernahm er mit einer kleinen Kapitalbeteiligung bei CSN die Companhia Vale do Rio Doce (CVRD), den größten Eisenerzexporteur der Welt – ein spektakulärer Sieg gegen die mitbietende Bergbau- und Stahlelite des Landes. Mit dem Argument, dass er mit Erz, Stahl und Logistik das „zusammenbringen werde, worin Brasilien am besten ist“, überzeugt er sogar die Gewerkschaften und ihre Pensionsfonds vom Megadeal.

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