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10.03.2017

14:39 Uhr

Der moderne Mann

Customer Flow in Chemnitz

VonHerr K.

Herr K. muss zu einem Vortrag über „Experiencing Big Data“, der in einem Konferenzraum mit dem Namen „Chemnitz“ stattfindet. Aber gibt es etwas, das weiter von der Industrie 4.0 entfernt ist als Chemnitz?

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an:  herr.k@handelsblatt.com

Herr K. – der moderne Mann

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit fällt nur Herrn K. auf. Aber der Konferenzraum, vor dem er sich an diesem Morgen gemeinsam mit Koslowski aus dem Controlling an einem Stehtischchen festhält, trägt den Namen „Chemnitz“. Und drinnen wird es gleich um „Experiencing Big Data“ gehen. Experience. Chemnitz.

Herr K. will der Stadt nicht unrecht tun. Seines Wissens nach war er selbst überhaupt noch nie in Chemnitz oder gar Nachbar-Metropolen wie Limbach-Oberfrohna und Flöha. Sicher ist das eine auch landschaftlich reizvolle Boomregion. Aber es gibt halt auch kaum etwas, das für ihn von der Industrie 4.0 weiter entfernt ist als Chemnitz. Ein Klischee, aber auch ein trostspendendes, denn Koslowski und Herr K. fühlen sich an diesem Morgen eher als Chemnitzer denn als Big-Data-Experten.

Beim ersten Vortrag geht es um „Digital User Experience“, „Up/Cross sell“ und „Churn-Prävention“. Der Keynote-Speaker ist ein junger Mann, den alle nur als „den Steve“ ansprechen sollen. Der Steve hat mal Mediendesign in Paderborn studiert, dann aber zwei Jahre „an der West Coast“ verbracht ... ob er dort surfte oder das nächste Snapchat erfand, weiß man nicht. Er trägt jedenfalls tatsächlich einen Kapuzenpullover, wie ihn Herr K. sonst nur von Symbolfotos kennt, die das Thema „Hacker“ illustrieren sollen. Hoodies sind für ihn das Chemnitz der Industrie 4.0.

Herr K.: Wann ist ein Mann ein Mann?

Herr K.

Wann ist ein Mann ein Mann?

Schon seit zwei Jahren erscheinen im Handelsblatt wöchentlich die Kolumnen von Herrn K. – dem modernen Mann. Höchste Zeit, dass die Kunstfigur ihren Schöpfer befragt – zu Geldanlagen, Grill-Typen und jammernden Männern.

„Wahrscheinlich hat der Steve in San Francisco gekellnert, sonst würde er jetzt wohl kaum Typen wie uns in einem Konferenzraum namens ‚Chemnitz‘ was vom Pferd erzählen“, raunt Koslowski. Er hat vor dieser Konferenz noch die Krawatte abgelegt, was für einen wie ihn das ultimative Zeichen von Freizeit-Lockerheit ist. Koslowski ohne Krawatte ist wie Hoodie in Chemnitz. Vielleicht hätte er wenigstens noch den obersten Hemdknopf öffnen sollen, aber da drängt sich Koslowski schon durch die Stuhlreihe Richtung Toilettentür, bevor die Fragerunde beginnt. „Habt ihr noch Fragen zum Micro-Targeting?“, will der Steve gerade wissen.

Als Koslowski nach einer halben Stunde zurückkehrt, geht es gerade um „mehrstufige KPIs zur Optimierung der Performance“, „Progress Meter“ und „Customer Flow“. Koslowski hält sich an dem Pappbecher Latte fest, den er von draußen mitgebracht hat: „Ich bin zu alt für diesen Scheiß. Echt jetzt. Oder haben Sie irgendeine Ahnung, worum es geht?“ Herr K. lächelt. Für ihn hat sich dieser „Digital Summit“ schon gelohnt.

Gleich am Montag wird er seine Abteilung zusammenrufen und ihr einbläuen, dass „unbedingt die Stickiness im Vertriebstrichter erhöht werden muss“. Er wird in ihre leeren Augen schauen und kopfschüttelnd murmeln: „Value-Added Services – schon mal gehört? Oh Mann, ihr seid wirklich das Chemnitz der ganzen Firma.“

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Die besten Kolumnen vom modernen Mann sind im Gabal Verlag erschienen (14,90 Euro) – samt neuen Texten und allen Hintergründen rund um Herrn K. Hier können Sie das Buch zur Kolumne bestellen: kaufhaus.handelsblatt.com/herrk.

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