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11.02.2017

16:34 Uhr

Umgang mit Tieren

Von Heuchlern und besseren Menschen

VonThorsten Giersch

Richard David Precht, Peter Wohlleben, Matthias Wolfschmidt oder die ZDF-Doku Terra X: Selten wurde so viel über Tiere nachgedacht. Die Wahrheit ist: Da ist viel Heuchelei dabei. Ein Kommentar über unseren größten Makel.

Eher die Ausnahme. dpa

Glückliche Schweine? Eher die Ausnahme

Eher die Ausnahme.

DüsseldorfMillionen Zuschauer ergötzten sich an den vergangenen sechs Sonntagen um 19.30 Uhr an der ZDF-Dokumentationen „Eine Erde – viele Welten“. Dort wurden Bilder gezeigt, die es so noch nicht gab. Selten hat es so viel Spaß gemacht, sich Tiere anzuschauen. Aber es wurden eben nicht nur „viele Welten“ vorgestellt, sondern vor allem „verherrlichte Welten“. Ein Treppenwitz: Teilweise wurde an Orten gedreht, die es so inzwischen nicht mehr gibt - ohne dass die Macher ein Wort über den Raubbau an der Umwelt verloren. Das Schlimme ist, dass dies womöglich sogar noch das kleinere Übel ist im Vergleich zur sonst üblichen Zeigefingermoral.

Der Zuschauer soll offenbar nicht verstört werden. Die abträgliche Wirkung von zu viel Realität im Hinblick auf die Quotenentwicklung ist allseits bekannt. So ist es vermutlich auch kein Wunder, dass sich Peter Wohllebens Buch „Das Seelenleben der Tiere“ besser verkauft als „Tiere Denken“ von Richard David Precht. Förster vor Philosoph, obwohl das Buch des Letzteren ungefähr 13 Klassen besser ist.

Wer Deutschland mit Fleisch versorgt

Deutsche lieben Fleisch

Die Deutschen essen sehr viel Fleisch - und vor allem Schwein: 39,2 Kilogramm sind es pro Jahr und Person im Durchschnitt. Dazu kommen 11,5 KG Geflügel und 8,7 KG Rind. Davon ist nur ein Bruchteil Bio: Beim Schwein sind es 240 Gramm, beim Geflügel 60 Gramm, beim Rind 170 Gramm.

Platz 9: Röthkötter

Die Röthkötter-Gruppe machte 2010 einen Umsatz von 670 Millionen Euro und liegt damit auf Rang neun. Wichtigste Tochterfirma ist Emsland Frischgeflügel.

Platz 3: Müller

Die Müller-Gruppe aus Birkenfeld kommt auf einen Umsatz von 0,72 Milliarden Euro. Die wesentlicher Geschäftsfelder sind Schlachtung und Zerlegung von Rindern, Kälbern und Schweinen.

Platz 7: Sprehe

Die Sprehe-Gruppe aus Lorup kommt gerundet ebenfalls auf einen Umsatz von 0,72 Milliarden Euro. Rund 2500 Mitarbeiter sind für das Unternehmen aus Lorup tätig.

Platz 6: Zur Mühlen

Auf Rang 6 liegt die Zur-Mühlen-Gruppe aus Böklund. Aus der Werbung kennt man daher auch die Böklunder-Produkte am besten, allerdings macht das Unternehmen seine 830 Millionen Euro Umsatz mit weitaus mehr Marken wie Könecke, Redlefsen, Schulte, Zerbster Original und Plumrose.

Platz 5: Heristo

Heristo kommt auf einen Umsatz von 1,54 Milliarden Euro und ist in vielen Bereichen tätig. Neben der Fleischproduktion gehört dazu auch Tiernahrung. Das Familienunternehmen wurde 1913 in Versmold gegründet und hat seinen Sitz heute in Bad Rothenfelde.

Platz 4: Westfleisch

Auch der Viertplatzierte kommt aus Westfalen: Westfleisch aus Münster erwirtschaftet einen Umsatz von 1,93 Milliarden Euro. Gegründet wurde das Unternehmen am 28. Oktober 1928 als Westfälische Provinzial-Viehverwertungsgenossenschaft WPVG.

Platz 3: Wiesenhof

Die PHW-Gruppe aus Visbek kommt auf einen Umsatz von 2,1 Milliarden Euro und schafft es damit aufs Podium. Das Unternehmen ist der größte deutsche Geflügelzüchter und -verarbeiter. Bekannteste Marken sind Wiesenhof und Bruzzzler. 

Platz 2: Vion Food Germany

Inmitten den bekannten Namen von Familienunternehmen taucht mit Vion Food Germany sozusagen ein Exot auf Platz 2 auf. Das Unternehmen kommt hierzulande auf einen Umsatz von 3,7 Milliarden Euro und ist eine Tochterfirma des niederländischen Riesen Vion.

Platz 1: Tönnies

Clemens Tönnies ist den meisten Deutschen als Aufsichtsratsvorsitzender des Fußballclubs Schalke 04 bekannt. Sein Unternehmen ist mit einem Umsatz von 4,3 Milliarden Euro Deutschlands größter Fleischproduzent. Sitz des Konzerns ist Rheda-Wiedenbrück in Ostwestfalen.

Neue Ställe in Deutschland

Derzeit werden in Deutschland überall neue Ställe gebaut - vor allem für Schweine und Geflügel. Vor allem niederländische Betriebe betrieben in der Heimat förmlich in ihrer Gülle, da lockt der Weg nach Deutschland.

Kritik an der Haltung

Massive Kritik gibt es an der Haltung und der Schlachtung längst nicht mehr nur von Tierschützern. In den "Ferkelbatterien" erlangen Jungtiere in 180 Tagen ihr Schlachtgewicht von 90 Kilogramm. Das sind pro Tag 200 Gramm mehr Fett und Fleisch. Vor allem die männlichen Ferkel durchlaufen dabei eine extrem schmerzhafte Prozedur.

Sehen wir das Positive: Seit dem Hype um das famose Buch „Tiere essen“ von David Safran Foer  wurde nicht mehr so viel über Tiere geschrieben. Und noch nie wurden TV-Dokumentationen mit so einem Aufwand betrieben. Und es ist wahrlich nicht so, dass der Leser daraus nicht klare Schlüsse ziehen kann. Peter Wohlleben erklärt, wie ähnlich sich Mensch und Tier sind. Der Förster erklärt sich zum „Dolmetscher“, der das Verhalten der Tiere übersetzt. Er macht deutlich, bis zu welchem Grad sie ähnlich empfinden wie wir und warum sie eben keine “Sachen” sind. Das hilft und ist ein wertvoller Beitrag.

Richard David Precht erklärt unter anderem, wo die Gemeinsamkeiten enden: „In der gegenwärtigen Moral und Rechtsordnung ist der Unterschied zwischen Schimpanse und Mensch größer als jeder zwischen Schimpanse und Blattlaus.“ Was de facto bedeute: Der Schimpanse hat keine Rechte. Für den Philosophen gibt es zwei Kategorien von Tieren: „Die eine glaubt, dass es zwei Kategorien von Tieren gibt, und die andere hat darunter zu leiden.“

Seine Kulturgeschichte des Mensch-Tier-Verhältnisses zeigt: Was wir im wahrsten Sinne des Wortes als gottgegeben hinnehmen, ist eine Mischung aus Zufall und ökonomischen Interessen einer lang vergangenen Epoche: Warum spielt das Tierwohl im Christentum keine Rolle? Weil den ersten Christen Viehzüchter ein Groll waren. Warum sind den Hindu Rinder heilig? Weil Rinder im damaligen Machtkampf der Religionen eine entscheidende Rolle spielten. Warum gelten Schweine bei Muslimen und Juden als unrein? Weil die Schafhirten Grund genug sind, die Schweinezucht aus wirtschaftlichen Gründen zu bekämpfen.

So geriet eine Spirale in Gang, gegen die bis heute keine Vernunft ankommt. Aus handfesten Motiven wurden Idiome. Im Laufe der Jahrhunderte konnten sich die Tierethiker nie durchsetzen - egal ob sie Albert Schweitzer, Schopenhauer oder Nietzsche hießen. Richard David Precht listet sie und ihre Argumente sorgfältig auf. Ihre Theorien mögen Lücken haben und der Philosoph seziert die argumentativen Schwächen der heutigen Tierschützer. Dennoch wird dem Leser klar: Wir Menschen haben absolut keine moralische Rechtfertigung dafür, dass wir uns beim Umgang mit den Tieren so weit von einem vertretbaren Mittelweg entfernt haben.

Kommentare (1)

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Herr Paul Kersey

13.02.2017, 18:02 Uhr

Der Umgang mit Nutztieren offenbart doch nur symptomatisch die wahre Seele des Menschen. Es ist der pure Egoismus, der dazu führt, dass die Tierzucht-Industrie erbarmungslos mit Tieren umgeht, ausschließlich aus Gründen der Gewinnmaximierung und es ist der gleiche Egoismus, der den Konsumenten diese Art der Tierhaltung akzeptieren lässt, aus Gründen der eigenen Kostenminimierung. Kein Verbraucher kann sich heute mehr hinstellen und sagen, er hätte nichts gewusst. Und so ist es mit dem Klimaschutz, der Wegwerfgesellschaft und eben allem anderen, was mit Kosten und Aufwand verbunden ist und einer besseren Welt nützen würde. Keiner ist ohne Schuld, sicherlich auch nicht die Autoren der ZDF Doku.

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