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26.06.2015

14:18 Uhr

Best Lawyers

Kulturwandel im Kanzleimarkt

VonDésirée Balthasar

Die Tage der gutverdienenden Partner auf Lebenszeit sind vorbei. Großkanzleien trennen sich von langjährigen Anwälten oder diese wechseln von sich aus. Wer davon profitiert: Das sind Deutschland beste Anwälte 2015.

Alles gut bei den großen Anwaltskanzleien? Imago

Rechtsanwältin im Büro

Alles gut bei den großen Anwaltskanzleien?

HamburgEs ist ein Schaulaufen der großen Namen: Hengeler Mueller ist im Kapitalmarktrecht und in der M&A-Beratung die Nummer 1, Freshfields Bruckhaus Deringer räumt den Titel im Gesellschafts- sowie im Kartell- und Wettbewerbsrecht ab. Clifford Chance holt sich die Trophäe für die Beratung im Immobilien- und Finanzsektor, Gleiss Lutz im Arbeitsrecht und Flick Gocke Schaumburg im Steuerrecht. Auch Noerr, Allen & Overy sowie Linklaters sind prominent vertreten.

Also alles gut bei den großen Anwaltskanzleien? Ja und Nein. Denn neben den Etablierten haben kleinere und mittelgroße Einheiten deutlich Boden gut gemacht, sie punkten mit ihrer Spezialisierung. So wie SKW Schwarz im Medienrecht, Dolde Mayen & Partner im Umweltrecht oder die Steuerstrafrechts-Boutique Streck Mack Schwedhelm. Deutschlands größte Kanzlei CMS Hasche Sigle geht dagegen in diesem Jahr leer aus. Sie bietet zwar das breiteste Spektrum an Rechtsberatung, konnte aber keinen Spitzenplatz in einem einzelnen Gebiet belegen.

In diesem Jahr veröffentlicht das Handelsblatt bereits zum siebten Mal exklusiv das Best Lawyers-Ranking für Deutschland. Jedes Jahr befragt der US-amerikanische Verlag 1714 Wirtschaftsanwälte in einem Peer-to-Peer-Verfahren, welche Kollegen sie fachlich empfehlen würden. Das Ergebnis ist eine Liste der besten Anwälten und Kanzleien in 23 Fachgebieten (Anm.: die Listen veröffentlichen wir am kommenden Mittwoch).

Spezialisten im Aufwind

„In den letzten Jahren beobachten wir eine zunehmende Differenzierung des Marktes, in dem nicht mehr nur die großen Top-50-Kanzleien alles überstrahlen“, kommentiert Markus Hartung, Jurist und Direktor des Bucerius Center on the Legal Profession. „Spezialisierte Einheiten gewinnen stärker an Akzeptanz und Bekanntheit im Markt. Damit fordern sie die Großkanzleien auf deren angestammten Spitzenplätzen heraus.“

Das Ranking der besten Rechtsberater zeichnet dieses Bild fort: „Hier sind viele Anwälte aus Spezialkanzleien gelistet“, sagt Hartung. „Die Großkanzleien müssen sich etwas einfallen lassen, um langfristig den speziell aufgestellten und günstigeren - weil kleineren - Wettbewerbern etwas entgegenzusetzen.“ So gewinnen Boutiquen wie Commeo oder AGS Legal auf dem heiß umkämpften Frankfurter Markt an Präsenz. Andere Beispiele in Berlin sind die auf Medizin- und Pharmarecht spezialisierte Sozietät Dierks + Bohle, Sammler Usinger mit Schwerpunkt im Immobilienrecht oder die Energierechtskanzlei Scholtka & Partner.

„Der Full-Service-Ansatz vieler großer Sozietäten ist nicht mehr zeitgemäß. Die Spezialisten haben Aufwind. Es gilt: Expertise schlägt Reputation“, sagt Hartung. „Die Kriegsbemalung der Anwälte zählt immer weniger. Heute ist nicht die Kanzlei erfolgreich, die ausschließlich Anwälte mit Titeln und Bestnoten sammelt, sondern die Kanzlei, die durch Spezialwissen besticht.“

Das liegt vor allem daran, dass die Unternehmen anspruchsvoller geworden sind, wenn sie Rechtsberatung einkaufen. Die Mandanten gucken sich das Angebotsspektrum differenzierter an. Hartung: „Das ist eine gute Nachricht für kleinere Kanzleien. So müssen sie den Großen nicht mehr kampflos das Feld überlassen.“

Haupttreiber von strategischen Neuerungen ist der Kostendruck. Wenn Unternehmen ihr Budget stutzen, müssen deren Juristen ihre Rechtsberatung anpassen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. In unterschiedlichen Richtungen sind die Folgen zu spüren: Die einen Kanzleien passen ihre Vergütungsstrukturen an, andere geben Standardaufgaben an externe Dienstleister aus, schließen teure Standorte oder trennen sich von gutverdienenden Partnern.

Das ist ein echter Kulturwandel. Deutsche mittelständische und kleinere Sozietäten sind meist vorsichtig, wenn es darum geht langjährigen Partner zu verabschieden. Internationale Kanzleien haben hier weit geringere Skrupel. Insbesondere Großkanzleien mit US- oder britischen Wurzeln trennen sich auch von gestandenen Partnern mit hohem Marktrenommee, um die Profitabilität hoch zu halten.

„Kanzleien, die solche Schritte gehen, sagen dann, ihre Einheit "atmet"“, sagt Dr. Christine Sauerwald von der Beratungsfirma SW Recht & Personal. „Das bedeutet, dass die Strukturen nicht mehr so festgefahren sind, wie in der Vergangenheit. Auch Plateau-Partner sind antastbar geworden“, fügt die Beraterin hinzu. „Sie entnehmen einfach zu viel aus dem Gewinntopf.“

Diese Praxis wirkt sich auch auf die jüngeren Kollegen aus. Wer will schon in einer Sozietät arbeiten, in der ständig die Profitabilität hinterfragt wird? „Eine Folge sind Neugründungen von Boutiquen“, erklärt Sauerwald. Gestandene Partner und erfahrene Associates gehen immer öfter den Weg in die Selbständigkeit. „In diesen hochprofessionellen, kleinen Sozietäten arbeiten dann hervorragend ausgebildete Anwälte, teilweise mit festem Mandantenstamm aus der Vorgängerkanzlei“, sagt Sauerwald.

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

29.06.2015, 17:50 Uhr

Alles schön und gut. Aber die lieben Kollegen in den Großkanzleien arbeiten wie Sklaven und machen sich ihre Gesundheit vorzeitig kaputt. Dabei sorgt ihre Spezialisierung für Einseitigkeit und am Ende auch Langeweile in der Arbeit.
Gute Bezahlung hin oder her - nie in solche Kanzleien gehen, deren Vorläufer man noch selbst z.T. mit Aufträgen versorgte - als Unternehmer, der zugleich gelegentlich unter der offiziell testierten Eignung zum Richteramt litt. Andererseits hilft dieser Status, die Tätigkeit der Kollegen einigermaßen zuverlässig zu beurteilen. Und das schreckt dann noch mehr ab als die gesammelten Honorare am Ende reizen können.

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