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30.01.2009

12:26 Uhr

Betriebsfrieden

Sayonara mit Tücken

VonFinn Mayer-Kuckuk

Der Fall Nokia Bochum lehrte: Wenn Firmen im Ausland Jobs abbauen, brauchen sie sehr viel Fingerspitzengefühl. Das Beispiel Japan zeigt, wie deutsche Manager trotz unliebsamer Entscheidungen den Betriebsfrieden in Unternehmen wahren können.

Auf schlechte Nachrichten von Unternehmen reagiert die japanische Öffentlichkeit derzeit gereizt: Diese Erfahrung musste auch Sony-Chef Howard Stringer unlängst machen. Foto: ap Quelle: ap

Auf schlechte Nachrichten von Unternehmen reagiert die japanische Öffentlichkeit derzeit gereizt: Diese Erfahrung musste auch Sony-Chef Howard Stringer unlängst machen. Foto: ap

TOKIO. Als Sony-Chef Howard Stringer vergangene Woche in Tokio einen Milliardenverlust ankündigte, interessierte die Journalisten nur eines: „Wie viele Leute entlassen Sie?“ Denn dieses Thema bewegt die Japaner derzeit am meisten. Da tröstete die weltweit 16 000 Betroffenen nur wenig, dass das höhere Management auf Boni oder Teile des Gehalts verzichten will.

„Eiskalte Restrukturierung!“ titelte prompt die japanische Boulevardzeitung „Gendai“ am nächsten Tag und schob eine Liste der „83 gefährlichsten Unternehmen“ nach: „Diese Firmen planen den Abbau von Festangestellten durch Frühverrentung.“ Wenige Tage zuvor bei der Vorstellung des neuen Toyota-Chefs war die Öffentlichkeit ebenfalls mehr am Jobabbau interessiert als an der Spitzenpersonalie.

Japans Unternehmen stecken in einem Dilemma: Einerseits müssen sie Überkapazitäten vermeiden, um gegen die globale Konkurrenz bestehen zu können. Andererseits haftet – trotz des gesellschaftlichen Wandels – in den Köpfen der Japaner noch immer das Idealbild der fürsorglichen Festanstellung bis zur Rente. Doch der Traum von der lebenslangen Beschäftigung ist längst geplatzt.

Die Firmen flüchten in befristete Beschäftigung. Denn die japanische Öffentlichkeit akzeptiert es eher, wenn Zeitverträge auslaufen, als wenn Leute entlassen werden. Die Quote der nicht festangestellten Arbeitnehmer hat gerade 35 Prozent überschritten, ermittelte des Arbeitsministerium. Etwa 85 000 der befristet Beschäftigten dürften allein bis Frühjahr durch die Krise ihren Job verlieren. Ökonomen des Japan Research Institute rechnen damit, dass insgesamt 1,5 Millionen Arbeitsplätze in der Krise verlorengehen.

Paradoxerweise bietet die Lage besondere Chancen gerade für ausländische Unternehmen. Denn viele haben einen Überhang an Arbeitskräften. Der Grund: „Die meisten europäischen Firmen in Japan haben Strukturen von Joint-Venture-Partnern übernommen oder von japanischen Firmen entlehnt“, sagt Dirk Vaubel, Partner der internationalen Strategieberatung Roland Berger in Tokio. So hätten früher viele Unternehmen automatisch die japanische Praxis übernommen, etwa den Vertrieb überzubesetzen. „Viele Firmen nutzen nun die Krise, um ihre Kapazitäten anzupassen“, sagt Vaubel. Roland Berger und die Deutsche Industrie- und Handelskammer in Tokio befragten knapp 100 deutsche Unternehmen in Japan und analysierten, wann und wie Restrukturierungen klappen. Insgesamt beschäftigen die rund 500 deutschen Firmen mit Dependance in Japan 68 000 Mitarbeiter.

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