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25.09.2014

06:56 Uhr

Betriebspensionen

Vorstände kassieren das 250-fache eines Angestellten

VonDieter Fockenbrock

ExklusivEine Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeigt: Deutschlands Top-Management hat im Alter ausgesorgt, dank üppiger Betriebspensionen. Der Aufwand der Unternehmen ist enorm. Welche Vorstände am meisten einstreichen.

Daimler-Chef Dieter Zetsche hat mit geschätzt 29,9 Millionen Euro im Ruhestand am zweitbesten ausgesorgt. dpa

Daimler-Chef Dieter Zetsche hat mit geschätzt 29,9 Millionen Euro im Ruhestand am zweitbesten ausgesorgt.

DüsseldorfViele Konzerne statten ihre Topmanager für den Ruhestand gut aus. Spitzenreiter bei Pensionsansprüchen ist der Chef des Pharmahändlers Stada (MDax) Hartmut Retzlaff. Für den langjährigen Vorstandsvorsitzenden muss das Unternehmen 35 Millionen Euro an die Seite legen, um seine späteren Rentenzahlungen garantieren zu können. Retzlaff liegt damit an der Spitze der Pensionsmillionäre.

Auf Rang zwei folgt Daimler-Chef Dieter Zetsche mit 29,9 Millionen Euro, gefolgt von VW-Chef Martin Winterkorn, für den der Konzern 22,1 Millionen zurückgelegt hat. Die Rückstellungen aller Dax und MDax-Konzerne erreichen mit 4,8 Milliarden Euro für amtierende und für ehemalige Vorstände einen Rekord.

Das geht aus einer Studie für die Hans-Böckler-Stiftung hervor, die dem Handelsblatt (Montagausgabe) vorliegt. Vergütungsexperten kritisieren die üppige Versorgung als nicht mehr zeitgemäß. Die Vergütung der aktiven Vorstände ist in den zurückliegenden Jahren in Millionenhöhe gestiegen. Betriebsrenten für Vorstände seien daher überflüssig.

„Die Altersversorgung hat ihren ursprünglichen Sinn verloren“, sagt Studienautor Heinz Evers. Diese Sinn bestand früher darin, den weitaus geringer bezahlten Topmanagern im Ruhestand einen „angemessenen Lebensstandard“ zu sichern.

Welche Regeln es in Deutschland für Vorstandsgehälter gibt

Vorgaben des Aktienrechts

In Deutschland macht das Aktienrecht börsennotierten Unternehmen eher vage Vorschriften beim Gehalt der Vorstandsmitglieder. Deren Gesamtbezüge müssten zum Beispiel „in einem angemessenen Verhältnis zu den Aufgaben und Leistungen des Vorstandsmitglieds“ sowie zur Lage des Unternehmens stehen, heißt es.

Der Aufsichtsrat

Festgelegt werden die Vorstandsgehälter in Deutschland vom Aufsichtsrat. Die Aktionäre können laut einer Gesetzesänderung 2009 über das Vergütungssystem auf der Hauptversammlung abstimmen, der Beschluss begründet aber „weder Rechte noch Pflichten“.

Corporate Governance Kodex

Etwas umfassender sind die Vorschläge der Regierungskommission zur guten Unternehmensführung im sogenannten „Corporate Governance Kodex“. Die Unternehmen sind gesetzlich verpflichtet, öffentlich zu machen, ob sie diesen Empfehlungen gefolgt sind oder nicht.

Kriterium für die Gehälter sollte demnach auch „die Üblichkeit der Vergütung unter Berücksichtigung des Vergleichsumfelds und der Vergütungsstruktur, die ansonsten in der Gesellschaft gilt“, sein. Falls ein Manager vorzeitig geht, sollen Abfindungszahlungen auf maximal zwei Jahresvergütungen beschränkt werden.



Kodex-Verschärfung

Dieser Kodex soll nun aber verschärft werden, bis hin zur Empfehlung einer Deckelung der Gehälter. Die Höchstgrenzen müsste dann der jeweilige Aufsichtsrat festlegen. Dazu gibt es Änderungsvorschläge, zu denen jeder Bürger per E-Mail an den Vorsitzenden der Regierungskommission, Commerzbank-Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller, bis zum 15. März Stellung nehmen kann.



Transparenz

Seit einigen Jahren veröffentlichen große börsennotierte Konzerne gemäß den Empfehlungen des Kodex' die Gehälter des Top-Managements im Geschäftsbericht, früher war dies nicht üblich. Seither wird über die Millionengehälter der Dax-Vorstände auch lebhaft diskutiert. Die Hauptversammlung kann mit einer Dreiviertelmehrheit die Veröffentlichung verhindern.

Der Aufwand der Unternehmen für ihren amtierenden und ehemaligen Vorstände ist enorm. Ausgerechnet der viele Jahre Verluste schreibende Konzern Thyssen-Krupp muss dafür 292 Millionen Euro vorhalten. Bei Daimler sind es 287 Millionen, bei Siemens 254 Millionen. Nach den Berechnungen belaufen sich die Pensionsansprüche der Vorstände mittlerweile auf das 250-Fache der Betriebsrenten von Arbeitern und Angestellten.

Kommentare (10)

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Herr Norbert Bluecher

25.09.2014, 09:10 Uhr

Früher gab es mal die Regel, daß der Vorstand das Zwanzigfache eines leitenden Angestellten verdient. Welcher Multiplikator zum Büroboten zu setzen war, weiß ich nicht. Jedenfalls waren das irgendwo ein guter Wert.
Ich halte die heutige Spreizung für gefährlich und nicht korrekt. Der Unternehmenserfolg hängt nicht nur am Vorstand, sondern auch an der Motivation der Mitarbeiter! Ein Vorstand kann nicht die Versäumnisse von 100 schlechten Filial-Leitern korrigieren, die demotiviert sind.

Horst Schmidt

25.09.2014, 09:13 Uhr

Es gibt nur eine Abhilfe - Bürgerversicherung für alle , also auch Politiker, Beamte, Freiberufler und Manager, die bisher nichts zum Sozialstaat beitragen. Altersbezüge über 5.000 € ab 67 sollten zu mindestens 50 % besteuert werden. Ebenfalls Abschaffung der Beihilfe und übernahme in die GKV

Herr Frieder Maier

25.09.2014, 09:34 Uhr

Diese 24.900 Prozent(!) mehr gegenüber einem Angestellten sind der Grund dafür, dass ...

(1) junge Talente eine "Beamten-Laufbahn" in einem Börsen notierten Unternehmen den Chancen + Risiken eines selbst gegründeten Unternehmens vorziehen

(2) viele Menschen auf Aktienanlagen verzichten. Gerade die mit anonymem Geld finanzierten Aktiengesellschaften sind zu Selbstbedienungseinrichtungen für das leitende Management verkommen.

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