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11.01.2017

16:52 Uhr

Betrugsvorwürfe

Prozessauftakt gegen Unister-Manager

Drei Manager des insolventen Leipziger Internetunternehmens Unister sollen Steuern hinterzogen und Kunden betrogen haben. Das Landgericht Leipzig soll nun klären, was an den Vorwürfen dran ist.

Die Generalstaatsanwaltschaft Dresden wirft den Angeklagten Steuerhinterziehung und Computerbetrug vor. dpa

Betrugsprozess gegen drei Ex-Unister-Manager

Die Generalstaatsanwaltschaft Dresden wirft den Angeklagten Steuerhinterziehung und Computerbetrug vor.

LeipzigÄußerlich ungerührt nehmen die drei Angeklagten aus der ehemaligen Unister-Führungscrew im Landgericht Leipzig Platz. Der ehemalige Finanzchef (39) des Leipziger Internetunternehmens zupft ab und zu an seinem Krawattenknoten und schüttelt gelegentlich sacht den Kopf. Die beiden anderen Manager – 51 und 59 Jahre alt – lesen einfach mit, was die Staatsanwälte ihnen zu Beginn des Strafprozesses am Mittwoch zur Last legen. Es geht um das unerlaubte Betreiben von Versicherungsgeschäften, um Steuerhinterziehung und um den angeblichen Betrug an Zehntausenden Kunden des einstigen Schwergewichts im Internet-Reisegeschäft.

Die Ermittlungen gegen Unister begannen 2012, zwei Anklagen hat die Generalstaatsanwaltschaft Dresden verfasst. Nicht alle Punkte ließ die Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts gelten. Ursprünglich hatten die Ermittler zum Beispiel noch sogenannte Streichpreise auf Unister-Portalen wie fluege.de oder ab-in-den-urlaub.de als strafbare Werbung moniert. Das sah die Kammer anders. Die Hauptvorwürfe der Anklagebehörde seien aber zur Hauptverhandlung zugelassen worden, sagt Staatsanwalt Dirk Reuter.

Das Unternehmen Unister

Ursprung

Unister startet Mitte 2002 als Studententauschbörse. Bald darauf geht der erste Versicherungsvergleich online, im April 2004 das Reiseportal „aidu.de“. Nach einem Rechtsstreit mit dem Kreuzfahrtbetreiber Aida, der wegen der Namen eine Verwechslungsgefahr moniert, benennt Unister die Domain in „ab-in-den-urlaub.de“ um. Thomas Wagner hielt bis zu seinem Tod 40 Prozent der Holding. Die übrigen Anteile verteilten sich lange Zeit allein auf seine Mitgründer Daniel Kirchhof, Sebastian Gantzckow, Christian und Oliver Schilling. Letzterer kam ebenfalls beim Flugzeugabsturz über Slowenien ums Leben. Ende 2014 kaufte sich der Leipziger Immobilienunternehmer Steffen Göpel in das Unternehmen ein. Am 18. Juli 2016, vier Tage nach Wagners Tod, meldeten Unister sowie 12 Tochterunternehmen Insolvenz an. Weite Teile des Unternehmens konnte Insolvenzverwalter Lucas Flöther mittlerweile verkaufen. Das Aushängeschild des Unternehmens, der Reisebereich, ging an den tschechischen Investor Rockaway Capital.

Kern

„Fluege.de“ geht 2008 als Pendant zu „ab-in-den-urlaub.de“ an den Start. Die beiden Reiseportale bildeten bis zur Anmeldung der Insolvenz den Kern der Leipziger Internetgruppe. So machte das Reisegeschäft im Jahr 2013 nachweislich rund 90 Prozent des Umsatzes aus. Im Dezember 2016 übernahm die tschechische Beteiligungsgesellschaft Rockaway Capital Unisters Reisesparte.

Diese Hauptvorwürfe umfassen zwei Komplexe: Zum einen wurden 2011 und 2012 über Unister-Portale Reiserücktrittsprodukte etwa unter dem Namen „Flexifly“ verkauft. Rund 14 Millionen Euro nahm die Gruppe damit ein. Das seien jedoch Versicherungen gewesen, für die Unister eine Genehmigung der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) benötigt hätte, meint die Generalstaatsanwaltschaft. Zudem zahlte Unister darauf statt Versichungs- lediglich Umsatzsteuern. So seien rund 1,1 Millionen Euro Steuern hinterzogen worden.

Zum anderen legt die Generalstaatsanwaltschaft den Unister-Managern die Praxis des sogenannten Runterbuchens zur Last: Die Kunden kauften ein Flugticket zu einem auf der Webseite angezeigten Preis, Unister erzielte aber hinter den Kulissen auf verschiedenen Wegen einen günstigeren Preis. Die Differenz behielt der Flugvermittler ein. 87 000 Kunden sei dadurch ein Gesamtschaden von 7,6 Millionen Euro entstanden. Zudem geht es auch bei diesem Anklageteil noch um eine weitere Steuerhinterhinterziehung mit einem Schaden von 790 000 Euro.

Unister in Turbulenzen

Ein Flugzeugabsturz, mehrere Insolvenzen und viele Fragen

Der Tod des deutschen Internet-Millionärs Thomas Wagner hat dessen Unternehmen Unister in schwere Turbulenzen gestürzt. Die Unister Holding, zu der Reiseportale wie fluege.de und ab-in-den-Urlaub.de gehören, musste ebenso wie mehrere Töchter Insolvenz anmelden. Zu Wagners Aktivitäten unmittelbar vor seinem tödlichen Flugzeugabsturz gibt es seltsame Details, selbst der Insolvenzverwalter spricht von einem „Krimi“. Viele Unister-Kunden sind verunsichert.

Wie ist die Lage bei Unister?

Am Montag meldete die Unister Holding GmbH Insolvenz an. Das Unternehmen begründete dies damit, dass die Firma nach dem Tod des alleinigen Geschäftsführers Wagner „ohne Geschäftsführung und dadurch in ihrer Handlungsfähigkeit stark eingeschränkt“ war. In der Folge meldeten auch mehrere zur Unister-Gruppe gehörende Gesellschaften Insolvenz an: die Urlaubstours GmbH, die Unister Travel Betriebsgesellschaft mbH, unter deren Dach Vermittlungsportale für Pauschalreisen und Flüge organisiert sind, die Unister GmbH mit Portalen wie auto.de und partnersuche.de und die U-Deals GmbH.

Was bedeutet die Insolvenz für die Kunden?

Laut Insolvenzverwalter Lucas Flöther ergibt sich „in den allermeisten Fällen“ für die Kunden keine Veränderung. Über die Unister-Portale wurden in der Regel Reisen nur vermittelt - Zahlungen gingen damit direkt an die jeweiligen Reiseveranstalter. In solchen Fällen sehen auch Verbraucherschützer kein Problem. Wurde eine Pauschalreise bei der Tochter Urlaubstours gebucht, ist sie über eine Versicherung gewährleistet und findet laut Flöther auch statt.

Anders sieht es für Kunden aus, die auf Portalen wie ab-in-den-Urlaub-deals.de Reisegutscheine erworben haben. Die Gutscheine werden möglicherweise von den Vertragspartnern am Reiseort nicht anerkannt, räumte Insolvenzverwalter Flöther ein. Betroffen seien bis zu 14.000 Kunden. Es gebe bereits Fälle, in denen Hotels die Anreise von Kunden ablehnten oder eine erneute Bezahlung forderten. Flöther erklärte, er bemühe sich um „kulante Lösungen“. Für Buchungen ab dem 20. Juli seien die Auszahlungen der Gutscheine aber gewährleistet.

Was sollten verunsicherte Kunden jetzt tun?

Haben Kunden Angst, dass ihre über ein Unister-Portal gebuchte Reise ausfallen könnte, sollten sie sich laut Stiftung Warentest beim jeweils ausführenden Unternehmen – etwa der Fluggesellschaft oder dem Hotel – rückversichern.

Wer lediglich einen Gutschein erworben hat, der nun nicht mehr eingelöst werden kann, für den sieht es schlecht aus. Solchen Kunden bleibt laut Verbraucherzentrale Sachsen lediglich die Möglichkeit, das gezahlte Geld als Forderung beim Insolvenzverwalter einzureichen. Die sollte möglichst in nachweisbarer Form, also per Einschreiben, geschehen. So wird der Kunde als Gläubiger geführt und bekommt möglicherweise irgendwann einen Teil des Geldes zurück. Mit Fragen zum Unister-Komplex können sich Kunden an die Verbraucherzentralen wenden.

Wie geht es mit Unister weiter?

Das ist schwer zu sagen. Flöther strebt möglichst einen Komplettverkauf des Konzerns an. Denkbar ist aber auch eine Zerschlagung.

Viele offene Fragen ranken sich zudem noch um Wagners Reise mit letztlich tödlichem Ausgang. Neben Wagner waren Mitgründer Oliver Schilling, der Pilot und ein angeblicher Finanzvermittler im Flugzeug. Alle vier starben. Der Flieger war auf dem Weg von Venedig nach Leipzig, wo Unister seinen Hauptsitz hat. Vor dem Unglück hatte der Pilot Vereisungsprobleme gemeldet.

Wagner soll in Venedig auf ein windiges Finanzgeschäft hereingefallen sein. An der Absturzstelle wurde laut Medienberichten Bargeld gefunden. Insolvenzverwalter Flöther sagte der „Wirtschaftswoche“, für ihn klinge das ganze „eher nach einem Krimi als nach einem klassischen Insolvenzfall“.

Quelle: AFP

Unister hatte die Vorwürfe stets vehement zurückgewiesen. Der frühere Finanzchef kündigt am Mittwoch an, dass er sich im Prozess umfangreich äußern wolle. „Ich hoffe, dass ich vollständig entlastet werde“, sagt der 39-Jährige. Das Vorgehen der Ermittler sei für ihn „nahezu existenzvernichtend in wirtschaftlicher wie in persönlicher Hinsicht“. Thomas Filler, Anwalt des früheren Chefs aller Unister-Flugportale, nennt das Runterbuchen absolut üblich im Reisegeschäft: „Seit 30 Jahren wird runtergebucht. Kein Mensch versteht in der Branche, was hier los ist.“

Verdacht der Steuerhinterziehung: Unister-Manager ab heute vor Gericht

Verdacht der Steuerhinterziehung

Unister-Manager ab heute vor Gericht

Vor über vier Jahren rückten Fahnder zur großen Razzia bei Unister an. Es ging um den Verdacht der Steuerhinterziehung. Heute beginnt der Prozess gegen drei Ex-Manager des insolventen Internetunternehmens.

Ursprünglich hatte die Generalstaatanwaltschaft Dresden auch gegen den Unister-Gründer Thomas Wagner ermittelt. Der 38-Jährige starb jedoch im Sommer 2016 bei einem Flugzeugabsturz in Slowenien. Er war auf der Rückreise von Venedig, wo er auf der Suche nach einem Kredit einem Millionenbetrug aufgesessen war. Nach seinem Tod meldete Unister Insolvenz an. Die Reisesparte ist inzwischen an einen tschechischen Investor verkauft worden. Das Landgericht hat für den Unister-Prozess 18 Termine bis Juni geplant. Die Verhandlung wird am 26. Januar fortgesetzt.

Von

dpa

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

11.01.2017, 17:58 Uhr

Herr Mark Hoffmann11.01.2017, 15:09 Uhr
Es langt schon, wenn wir mit der Grün-Sozialistischen Merkel wieder in einen grün-linken"Nazi-Deutschland" wieder angekommen sind.

Herr Peter Spiegel11.01.2017, 16:13 Uhr
Obama hat in Nazi-Deutschland Asyl beantragt. Kim Jong-un hat es genehmigt.

Herr Peter Spiegel11.01.2017, 16:34 Uhr
Nazi-Krankenkasse plant Lager für adipöse Menschen in Nord-Korea.

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