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12.09.2013

10:59 Uhr

Biografie über Ex-Deutsche-Bank-Chef

Die späte Reue des Josef Ackermann

VonThorsten Giersch

Was für ein Mensch ist Josef Ackermann wirklich? Sein Wegbegleiter Stefan Baron beantwortet diese Frage in seiner Biografie besser als fast alle vor ihm. Der Ex-Chef der Deutschen Bank tickt anders, als viele denken.

Josef Ackermann beim Handelsblatt Deutschland Dinner Ende 2012: „Moral hängt in der Marktwirtschaft nicht vom guten Willen des Einzelnen ab.“ Bert Bostelmann/Bildfolio für Handelsblatt

Josef Ackermann beim Handelsblatt Deutschland Dinner Ende 2012: „Moral hängt in der Marktwirtschaft nicht vom guten Willen des Einzelnen ab.“

DüsseldorfManchmal gibt es Bücher, die sind vor allem wegen dem interessant, was nicht in ihnen steht. Was nur angedeutet wird oder geschickt verpackt „zwischen den Zeilen“ erkannt werden will. Stefan Baron hat mit „Späte Reue“ so ein Buch geschrieben: Die Lektüre lohnt sich für den, der aufmerksam liest und die Lücken füllt.

Die Biografie über seinen Ex-Chef kämpft nämlich von der ersten Zeile an mit einem enormen Glaubwürdigkeitsproblem. Wie soll der ehemalige Pressesprecher der Deutschen Bank offen und ehrlich über seine fünf Jahre an der Seite von Josef Ackermann berichten?

Natürlich mangelt es dem früheren Chefredakteur der „WirtschaftsWoche“ an Distanz. Das führt dazu, dass der Autor seinen Ex-Chef bisweilen nicht hart genug anpackt. Aber die Nähe ermöglicht umgekehrt interessante Einblicke. Und so gelingt es Baron auf den rund 300 Seiten, allerlei Neues über Josef Ackermann aufzuschreiben. Über den streitbarsten Banker Europas, der allzu sehr polarisiert und über den man eben doch nicht so leicht den Stab brechen kann. An diesem Donnerstag wird das Buch vorgestellt.

Wie tickt Josef Ackermann?

Die Biografie

Fünf Jahre lang war Stefan Baron, ehemals Chefredakteur der „WirtschaftsWoche“, Pressesprecher von Josef Ackermann. Jetzt veröffentlicht er die Biographie „Späte Reue“ des langjährigen Vorstandschefs der Deutschen Bank. Einige Auszüge:

...über das Rauchen im Büro

Ins Auge springen dem Besucher allein eine lackierte Zigarrenbox aus feinem Wurzelholz und ein schwerer kristallener Aschenbecher. Eigentlich gilt in den Türmen der Deutschen Bank überall striktes Rauchverbot. Die einzige Ausnahme ist das Büro des Chefs. Um zu verhindern, dass er beim Rauchen einer Zigarre die Sprinkleranlage auslöst, ist dort die Empfindlichkeit des Rauchdetektors deutlich reduziert.

...über das Singen

Musiziert hat Ackermann schon als Kind. Sein Instrument war das Klavier. Als junger Banker nahm er zudem Gesangsunterricht. Heute musiziert der Schweizer nur noch wenig selbst, hört aber nach wie vor leidenschaftlich gerne Jazz und italienische Opern – auch bei der Arbeit.

...über Tischfußball

Auf der Farm des steinreichen Prinzen und Großinvestors Al-Walid ibn Talal al Saud in der Wüste Saudi-Arabiens kickert der begeisterte Tischfußballspieler so lange mit dessen Frau, bis er mit Blasen an den Händen aufgeben und sich von einem Arzt verbinden lassen muss.

... und das E-Mail-Verbot

Josef Ackermann kommuniziert nahezu ausschließlich mündlich, entweder im persönlichen Gespräch oder per Telefon. Schriftliches von ihm gibt es so gut wie gar nicht. E-Mail ist tabu. Ein kurzes »o. k.«, »pls discuss!« oder »pls call!« auf Papier oder als SMS, das ist alles.

 

... und die Freizeitgestaltung

Freizeit ist für den Deutsche-Bank-Chef ein Fremdwort. Drei Wochen Sommerurlaub im August. Hin und wieder mal ein Besuch in der Oper, einem Kunstmuseum oder dem Frankfurter Fußballstadion, seit die Eintracht wieder erstklassig geworden ist. Plus das Wochenende zu Hause in Zürich - mehr lässt seine Terminplanung nicht zu. Eine Wanderung durch den Wald oder ein schneller Marsch um den Block müssen als Ausgleich reichen für nahezu pausenlose 80- bis 100-Stunden-Wochen.

...über Bodyguards

Im Inland begleiten Ackermann auf Schritt und Tritt immer zwei Leibwächter. Seit dem Mannesmann-Prozess zählt er zu den am stärksten gefährdeten Personen der Republik. Seine Dienstlimousine, ein Mercedes der S-Klasse, ist gepanzert.

Mitarbeiter

Für Ackermann gibt es weder bei sich noch bei anderen feste Essens- oder Ruhezeiten, er kann zu jeder Tages- oder Nachtzeit anrufen. Die Woche hat für ihn sieben Arbeitstage, der Arbeitstag 24 Stunden. Der Schweizer ist ungeduldig und will schnell Resultate sehen. Auf ein Dankeschön nach durchgearbeiteter Nacht braucht niemand zu zählen. Er hält es mit der schwäbischen Devise: Net g’schimpft isch scho g’lobt.

...und seine Wohnungen

Ein modernes, aber keineswegs imposantes, mit viel Kunst ausgestattetes Haus in bester Lage nahe dem Grand Hotel Dolder am Hang des Zürichbergs mit Blick auf Stadt, See und Berge, ein rustikales Ferienhaus im wildromantischen Tessiner Centovalli-Tal und ein schickes Apartment im Wohn-Turm des Museum of Modern Art in Midtown Manhattan, das sind seine wesentlichen Besitztümer. Viel für einen einfachen Bürger gewiss, sehr viel. Aber wenig im Vergleich zu den meisten seiner Kollegen rund um die Welt. 

...über das Leben

Leben ist für Josef Ackermann vor allem Wettbewerb: Wenn er verliert, ist er unglücklich, wenn er gewinnt, glücklich. Egal, worum es geht, und sei es nur eine banale Wette oder ein Match Tischfußball.

Der Schweizer wurde schon einige Male porträtiert. Vor allem seit Leo Müllers ausgezeichneter Biografie „Ackermanns Welt“ weiß man vieles über seine Kindheit und seinen Alltag. Stefan Baron fokussiert sich - wie der Titel schon sagt - auf das Thema Reue und beschreibt diese aufregende Zeit von Juni 2007 bis Mitte 2012, als sie Seite an Seite durch die Finanzkrise schritten und die Wirren rund um Ackermanns Abschied von Deutschlands größtem Geldhaus überstanden. Als er den Preis bezahlen musste für die Missetaten, die durch sein Streben nach Rendite passiert sind – und wie ihn das verändert hat.

Sein Rücktritt als Verwaltungsratspräsident beim Versicherungskonzern Zurich vor wenigen Tagen findet sich dagegen nicht in der Biografie wieder. Zu frisch sind die Ereignisse. Ackermann war abgetreten, nachdem sich Zurich-Finanzchef Pierre Wauthier das Leben genommen hatte – und ihn in einem Abschiedsbrief erwähnt haben soll.

Wer ist Josef Ackermann wirklich? Was prägt ihn mehr, Moral oder Gier? Tatsächlich gelingt es Baron, einige Antworten zu finden und dem Wesen Ackermanns näher zu kommen. Er ist ein sehr moralischer Mensch. Diszipliniert, hart gegen andere und sich selbst und bereit, für sein Geldhaus weit zu gehen. Das Renditeziel von 25 Prozent ist Ackermanns Markenzeichen und der Quartalsgewinn der Maßstab. Und in diesem Streben nach Erfolg ist etwas verloren gegangen, das sich Ackermann am Ende zurückholen musste: „Die Finanzkrise hat ihn schmerzlich daran erinnert, dass weder Menschen noch Märkte vollkommen sind. Sie hat ihm den moralischen Kompass ins Bewusstsein zurückgerufen, den sein Vater ihm einst mit auf den Weg gegeben hat“, schreibt Baron.

Kommentare (30)

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Tom

12.09.2013, 11:11 Uhr

Wer ist Josef Ackermann wirklich? Interessiert mich nicht. Ich beurteile seine Taten. Und mit diesen hat er sich meine tiefstempfundene Verachtung verdient. Menschliche Abgründe tun sich da auf...

baronLOBHUDLER

12.09.2013, 11:27 Uhr

die freien bürger der schweiz haben ihrem landsmann aufgezeigt,daß er sich zu hause keineswegs aufführen kann wie bei den welschen oder sonstwo .

hut ab vor soviel wehrhaftigkeit

Charly

12.09.2013, 11:44 Uhr

"Die späte Reue des Josef Ackermann"

Och, mir kommen gleich die Tränen.

Sperrt den Kerl ein, und zwar mindestens lebenslänglich !!

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