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17.01.2011

09:17 Uhr

Biographie des Ex-Siemens-Chefs

Von Pierer startet Gegenangriff

VonAxel Höpner, Jens Münchrath

In der Siemens-Korruptionsaffäre setzt sich Ex-Vorstandschef Heinrich von Pierer zur Wehr: In seiner heute erscheinenden Autobiografie attackiert er die Medien und die Grundlagen der "Verdachtsberichterstattung". Er spricht von "Desinformation" und "medialer Großwildjagd".

Heinrich von Pierer: Der ehemalige Siemens-Vorstand attackiert in seiner Autobiografie die Medien, die den Korruptionsskandal aufdeckten. ap

Heinrich von Pierer: Der ehemalige Siemens-Vorstand attackiert in seiner Autobiografie die Medien, die den Korruptionsskandal aufdeckten.

MÜNCHEN/DÜSSELDORF. Die letzten Tage vor der großen Abrechnung hat Heinrich von Pierer in Südafrika verbracht. Noch einmal Kraft tanken, bevor er heute in Berlin seine Biografie "Gipfel-Stürme" vorlegt. Mit ihm tritt einer der renommiertesten deutschen Manager - zwölf Jahre lang war er Chef des Siemens-Konzerns - vor die Bundespressekonferenz, um sein Bild in der Geschichte zurechtzurücken. Denn kaum ein anderer Spitzenmann der Deutschland AG ist so tief gefallen wie er.

Der größte deutsche Schmiergeldskandal ist mit seinem Namen verknüpft. Mindestens 1,3 Milliarden Euro waren bei dem Technologiekonzern in schwarzen Kassen verschwunden und wurden größtenteils im Ausland als Schmiergeld eingesetzt. Von Pierer trat ein halbes Jahr nach Bekanntwerden der Affäre als Aufsichtsratsvorsitzender zurück. Zu spät, sagen seine Kritiker. In seinem Buch gibt er sich unbeeindruckt: "In welcher Form hätte ich Verantwortung für Vorgänge übernehmen sollen, die mir nicht bekannt waren?" Im Rückblick scheint ihm nicht die eigene Rolle, sondern die der Medien kritikwürdig. In seinem Buch ist von Verunglimpfung, Desinformation und medialer Großwildjagd die Rede.

In einem eigenen Kapitel rechnet er unter der Überschrift "Jagdsaison" mit jener Berufsgruppe ab, die ihn zeitlebens eng begleitet hat. "Dass ich den Furor dieser medialen Großwildjagd, bei der sich einige übermotivierte Jäger endlich den Abschuss eines ?echten großen Tieres? erhofften, zunächst unterschätzte, wundert mich bis heute", schreibt der 69-Jährige nicht ohne Bitterkeit.

Von Pierer beklagt vor allem die in Deutschland von den Gerichten zugelassene "Verdachtsberichterstattung", gegen die er sich kaum zur Wehr habe setzen können. Es genüge schon ein "Mindestbestand an Beweistatsachen, der für den Wahrheitsgehalt der Veröffentlichung spricht", erklärt der Jurist von Pierer. Immer wieder hätten Zeitungen und Magazine aus internen Papieren zitiert, "die ihnen - auf geheimnisvollen Wegen - von den Ermittlungsbehörden, von Rechtsanwälten, von Spindoktoren, aus dem Hause Siemens oder aus Presseabteilungen anderer Unternehmen" zugespielt worden seien. Alles sei interessengesteuert gewesen. Der eine wollte seinen Klienten gut aussehen lassen, der andere die Verantwortung möglichst weit auf andere schieben. Niemand sei auf Wahrheitssuche gewesen, man habe sich mit dem Verdacht und der Verdächtigung zufriedengegeben, so der Generalvorwurf des Gejagten.

Kommentare (4)

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Carlos Anton

17.01.2011, 10:55 Uhr

Die Enttäuschung Herrn von Pierers gegenüber den Medie ist nachvollziehbar. Es ist in der Tat so, dass die berichterstattung in den Medien zu einer Vorabverurteilung führt, die später auch kein Freispruch mehr heilen kann. Wie man jeden Tag feststellen kann, sind nur zeichnen sich bei weitem nicht alle Journalisten durch Geistesreichtum und Genauigkeit aus. Verwerflich ist auch die Rolle bestimmter Staatsanwaltschaften, die offenbar die Medien für ihre Zwecke einsetzen.

bscc

17.01.2011, 11:03 Uhr

Es ist die Tragik Herrn von Pierers die Macht des modernen "Enthüllungsjournalismus´" nicht richtig eingeschätzt zu haben.
Vielleicht könnte man sagen, daß er nicht mehr auf der Höhe seiner Zeit war.

Zeitgeister

17.01.2011, 11:12 Uhr

Hey, das war doch kein Spiel in der fränkischen Kreisklasse mit blutigen Amateuren sondern global playing mit den großen Jungs! Wer sang denn immer das hohe Lied davon? Was soll man davon halten, wenn Leute wie Herr von Pierer und Herr Wiedeking plötzlich feststellen müssen, dass sie auch nur irgendwelche Angestellte waren, die vergessen hatten "Yes, we can!" zu skandieren als der "Change" vor der Tür stand? Das Mitgefühl hält sich in sehr engen Grenzen und verstanden haben wir längst alles. Da braucht es keine zusätzlichen Postings.

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