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01.03.2017

10:45 Uhr

Börsenfusion

Carsten Kengeter blickt nach vorn

Die Deutsche Börse hat die Fusion mit der LSE im Grunde abgehakt. Konzernchef Kengeter bemüht sich, dem erwarteten Scheitern nicht zu große Bedeutung beizumessen – und kümmert sich ums Tagesgeschäft.

„Die Durchführung der Transaktion ist in ihrer Wahrscheinlichkeit nicht gestiegen“, sagt der Deutsche-Börse-Chef am Mittwoch über die Aussichten einer Fusion mit der Londoner Börse. AP

Carsten Kengeter

„Die Durchführung der Transaktion ist in ihrer Wahrscheinlichkeit nicht gestiegen“, sagt der Deutsche-Börse-Chef am Mittwoch über die Aussichten einer Fusion mit der Londoner Börse.

FrankfurtDie Deutsche Börse stellt sich nach den jüngsten Widerständen aus London auf ein Scheitern der geplanten Fusion mit der LSE ein und betont ihre eigene Stärke. „Die offizielle Entscheidung der EU-Kommission steht natürlich noch aus“, sagte Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter am Mittwoch auf dem Frankfurter Börsenparkett. „Aber die Durchführung der Transaktion ist in ihrer Wahrscheinlichkeit nicht gestiegen, das ist klar.“

Die London Stock Exchange (LSE) weigert sich, die neueste Vorgabe der EU-Wettbewerbshüter zu erfüllen und ihren Mehrheitsanteil an der italienischen Anleihen-Handelsplattform MTS zu verkaufen. Darum glaubt die LSE nicht mehr an eine Zustimmung aus Brüssel: „Angesichts der bisherigen Haltung der Kommission geht die London Stock Exchange Group nicht davon aus, dass die Kommission die Fusion genehmigen wird“, hatte das Unternehmen in der Nacht zum Montag mitgeteilt.

Deutsche Börse und LSE hatten vor gut einem Jahr ihren Plan öffentlich gemacht, den größten europäischen Börsenbetreiber zu schmieden. Brüssel hatte Ende September eine vertiefte Prüfung des Milliardenvorhabens eingeleitet. Die beiden Konzerne brauchen sowohl die Zustimmung der EU-Kommission als auch der hessischen Börsenaufsicht – und auch dort gibt es Kritik an dem Projekt.

Diese Fusionspläne der Deutschen Börse sind gescheitert

17. Juli 2000

Die Deutsche Börse präsentiert einen Plan für die Gründung de iX international exchange zusammen mit der Londoner LSE. Die beiden Partner hoffen, mit der paneuropäischen Handelsplattform weitere Börsenbetreiber mit ins Boot zu holen. Das Projekt scheitert allerdings an mangelnder Unterstützung.

Sommer 2003

Der damalige Chef der Deutschen Börse, Werner Seifert, trifft sich mit Euronext-Chef Francois Theodore. Die Gespräche über eine Fusion werden allerdings beendet, nachdem sich beide Seiten nicht über die Bewertung ihrer Häuser einig werden.

Frühling 2004

Seifert und Theodore nehmen ein weiteres Mal Kontakt auf. Ein Zwist über die Besetzung der Führungspositionen lässt sie abermals ergebnislos auseinandergehen.

August 2004

Die Schweizer Börse SWX lehnt Pläne der Deutschen Börse für eine Fusion, faktisch eine Übernahme, ab.

13. Dezember 2004

Die Deutsche Börse veröffentlicht ein Übernahmeangebot für die LSE über knapp zwei Milliarden Euro, das 2005 am Widerstand des Hedgefonds und Deutsche-Börse-Aktionärs TCI scheitert.

21. Februar 2006

Der neue Börsenchef Reto Francioni legt ein vorläufiges Fusionsangebot für die Pariser Euronext vor und facht damit ein Konsolidierungsfieber in der Branche an.

19. Mai 2006

Die Deutsche Börse dient Euronext-Chef Theodore die Führung eines vereinten Unternehmens an, besteht allerdings auf Frankfurt als Hauptsitz. Auch der Großteil des Managements sollte am Main angesiedelt sein.

Juni 2006

Die Deutsche Börse unterbreitet der Euronext einen überarbeiteten Fusionsvorschlag. Die Frankfurter geben in der Hauptquartiersfrage nach, doch der Vorstoß kommt zu spät: Die Euronext schließt sich mit der NYSE zusammen.

Dezember 2008

Deutsche Börse und NYSE Euronext loten eine Fusion aus. Die Pläne werden vorzeitig bekannt und scheitern.

April 2011

Die Börse wagt einen weiteren Versuch, mit der Nyse Euronext als Partner eine neue Größenordnung zu erreichen. Die US-Börsen Nasdaq OMX und ICE wollen die Fusion mit einer Gegenofferte für die Nyse torpedieren.

Februar 2012

Der Traum Francionis platzt erneut. Die EU-Kommission untersagt die Milliardenfusion mit der Nyse Euronext aus schwerwiegenden wettbewerbsrechtlichen Bedenken. Die EU fürchtet vor allem ein weltweites Monopol im Handel mit europäischen Finanzderivaten.

Februar 2016

Die Deutsche Börse und die Londoner Börse machen nach Marktgerüchten Pläne für einen Zusammenschluss öffentlich.

März 2016

Die Deutsche Börse und die London Stock Exchange (LSE) sind handelseinig und streben eine Fusion auf Augenhöhe an.

März 2017

Die EU-Kommission untersagt den milliardenschweren Deal, weil er auf dem Markt zur Abwicklung festverzinslicher Finanzinstrumente „ein De-Facto-Monopol“ geschaffen hätte.

„Es ist müßig für mich, darüber zu spekulieren, was die Gründe für diese Entscheidung unseres Fusionspartner sind“, sagte Kengeter. Unbestätigten Berichten zufolge gab es nicht nur Streit über den Sitz der Dachgesellschaft, auch die Ermittlungen der Frankfurter Staatsanwaltschaft gegen Kengeter wegen des Verdachts auf Insiderhandel bei einem milliardenschweren Aktiengeschäft belasteten.

In den Verträgen der Konzerne ist London als rechtlicher Sitz der Holding festgeschrieben. Das sorgt am Finanzplatz Frankfurt für Kritik - erst Recht, nachdem die Briten die Weichen für den EU-Austritt gestellt haben. Denn wenn der Brexit kommt, wäre der Sitz der europäischen Superbörse außerhalb der Europäischen Union.

„Wir bedauern natürlich diese Entwicklung“, sagte Kengeter. „Die Logik dieser Fusion ist uns nach wie vor sehr klar vor Augen.“ Zunächst werde das Projekt „im Rahmen der Möglichkeiten des vorgegebenen Vertrags“ weiter verfolgt.

Kommentar zur Börsenfusion: Ein unrühmliches Ende

Kommentar zur Börsenfusion

Ein unrühmliches Ende

Die London Stock Exchange will die Börsenfusion scheitern lassen – und überrascht damit ihren Fusionspartner. Es ist das unrühmliche Ende einer geplanten Hochzeit, die von Anfang an unter einem schlechten Stern stand.

Aber der Manager, der die Deutsche Börse seit dem 1. Juni 2015 führt, betonte: „Stehenbleiben ist keine Option.“ Der Blick richte sich nun nach vorne. Der Dax-Konzern arbeite weiterhin mit Hochdruck an seinem Effizienzprogramm („Accelerate“): „Denn was wir machen müssen ist völlig klar: Wir müssen versuchen, die Deutsche Börse wieder in die internationale Spitzengruppe zurückzuführen. Denn da gehört die Deutsche Börse hin. Das ist unser Ziel.“

Dabei werde das Unternehmen auch den Finanzplatz Frankfurt stärken, bekräftigte Kengeter. Am Mittwoch startete an Deutschlands führendem Marktplatz das neue Segment „Scale“, das kleinen und mittleren Unternehmen den Zugang zum Aktienmarkt erleichtern soll. Zu Handelsbeginn notierten 46 Aktien und Unternehmensanleihen in dem Segment, das den sogenannten Entry Standard ersetzt, in dem für Firmen geringere Berichterstattungspflichten gelten.

Von

dpa

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