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27.02.2017

17:46 Uhr

Börsenfusion

LSE stellt Kengeter infrage

Die Fusion von LSE und der Deutschen Börse steht kurz vor dem Aus. Nun sagen Insider, dass Ermittlungen gegen Carsten Kengeter die LSE dazu bewegt hätten, die Fusionsanforderungen der EU-Kommission nicht zu erfüllen.

Vertreter der London Stock Exchange zweifeln am Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Börse. dpa

Carsten Kengeter

Vertreter der London Stock Exchange zweifeln am Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Börse.

FrankfurtDie London Stock Exchange (LSE) hat Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter im Rahmen der geplanten Fusion attackiert. Nach dem Bekanntwerden des Ermittlungsverfahrens der Staatsanwaltschaft gegen Kengeter wegen des Verdachts auf Insiderhandel habe LSE-Aufsichtsratschef Donald Brydon seine Vorbehalte Anfang Februar in einer Email an sein Pendant Joachim Faber von der Deutschen Börse geäußert, sagten zwei mit dem Schreiben vertraute Personen am Montag der Nachrichtenagentur Reuters. Seine Berater hätten ihm gesagt, dass Kengeter wegen des Ermittlungsverfahrens kein geeigneter Kandidat mehr sei, um die fusionierte Börse wie geplant als Vorstandschef zu führen, schrieb Brydon. Faber antwortete Reuters-Informationen zufolge, dass für ihn die Unschuldsvermutung gelte und dass er deshalb an Kengeter festhalte. Die LSE, die Deutsche Börse und Kengeter selbst wollten sich dazu nicht äußern.

Diese Fusionspläne der Deutschen Börse sind gescheitert

17. Juli 2000

Die Deutsche Börse präsentiert einen Plan für die Gründung de iX international exchange zusammen mit der Londoner LSE. Die beiden Partner hoffen, mit der paneuropäischen Handelsplattform weitere Börsenbetreiber mit ins Boot zu holen. Das Projekt scheitert allerdings an mangelnder Unterstützung.

Sommer 2003

Der damalige Chef der Deutschen Börse, Werner Seifert, trifft sich mit Euronext-Chef Francois Theodore. Die Gespräche über eine Fusion werden allerdings beendet, nachdem sich beide Seiten nicht über die Bewertung ihrer Häuser einig werden.

Frühling 2004

Seifert und Theodore nehmen ein weiteres Mal Kontakt auf. Ein Zwist über die Besetzung der Führungspositionen lässt sie abermals ergebnislos auseinandergehen.

August 2004

Die Schweizer Börse SWX lehnt Pläne der Deutschen Börse für eine Fusion, faktisch eine Übernahme, ab.

13. Dezember 2004

Die Deutsche Börse veröffentlicht ein Übernahmeangebot für die LSE über knapp zwei Milliarden Euro, das 2005 am Widerstand des Hedgefonds und Deutsche-Börse-Aktionärs TCI scheitert.

21. Februar 2006

Der neue Börsenchef Reto Francioni legt ein vorläufiges Fusionsangebot für die Pariser Euronext vor und facht damit ein Konsolidierungsfieber in der Branche an.

19. Mai 2006

Die Deutsche Börse dient Euronext-Chef Theodore die Führung eines vereinten Unternehmens an, besteht allerdings auf Frankfurt als Hauptsitz. Auch der Großteil des Managements sollte am Main angesiedelt sein.

Juni 2006

Die Deutsche Börse unterbreitet der Euronext einen überarbeiteten Fusionsvorschlag. Die Frankfurter geben in der Hauptquartiersfrage nach, doch der Vorstoß kommt zu spät: Die Euronext schließt sich mit der NYSE zusammen.

Dezember 2008

Deutsche Börse und NYSE Euronext loten eine Fusion aus. Die Pläne werden vorzeitig bekannt und scheitern.

April 2011

Die Börse wagt einen weiteren Versuch, mit der Nyse Euronext als Partner eine neue Größenordnung zu erreichen. Die US-Börsen Nasdaq OMX und ICE wollen die Fusion mit einer Gegenofferte für die Nyse torpedieren.

Februar 2012

Der Traum Francionis platzt erneut. Die EU-Kommission untersagt die Milliardenfusion mit der Nyse Euronext aus schwerwiegenden wettbewerbsrechtlichen Bedenken. Die EU fürchtet vor allem ein weltweites Monopol im Handel mit europäischen Finanzderivaten.

Februar 2016

Die Deutsche Börse und die Londoner Börse machen nach Marktgerüchten Pläne für einen Zusammenschluss öffentlich.

März 2016

Die Deutsche Börse und die London Stock Exchange (LSE) sind handelseinig und streben eine Fusion auf Augenhöhe an.

März 2017

Die EU-Kommission untersagt den milliardenschweren Deal, weil er auf dem Markt zur Abwicklung festverzinslicher Finanzinstrumente „ein De-Facto-Monopol“ geschaffen hätte.

Einige mit der Fusion vertraute Personen sagten, der Disput über Kengeter habe bei der Entscheidung der LSE eine Rolle gespielt, die Forderung der EU-Kommission zur Freigabe der Fusion nicht zu erfüllen und den Zusammenschluss damit sehr wahrscheinlich zu verhindern. Andere Insider und die Spitze der Deutschen Börse sind Finanzkreisen zufolge dagegen der Ansicht, dass die Debatte über Kengeter nicht ausschlaggebend gewesen sei. Vielmehr habe die LSE-Spitze keine Debatte führen wollen, ob der Holdingsitz der fusionierten Börse wegen des Ausstiegs Großbritanniens aus der Europäischen Union von London nach Frankfurt verlagert werden muss.

Kommentar zur Börsenfusion: Ein unrühmliches Ende

Kommentar zur Börsenfusion

Ein unrühmliches Ende

Die London Stock Exchange will die Börsenfusion scheitern lassen – und überrascht damit ihren Fusionspartner. Es ist das unrühmliche Ende einer geplanten Hochzeit, die von Anfang an unter einem schlechten Stern stand.

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt hat Kengeters Büro bei der Deutschen Börse sowie seine Wohnung im Frankfurter Westend am 1. Februar durchsucht. Der Vorstandschef hatte im Dezember 2015, gut zwei Monate vor Bekanntwerden der Fusionsgespräche, in großem Stil Aktien von Deutschlands größtem Börsenbetreiber gekauft. Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft gab es zu diesem Zeitpunkt bereits Fusionsgespräche mit der LSE. Kengeter hält die Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft für haltlos. „Ich bin sicher, dass sich die Vorwürfe nach eingehender Prüfung als unbegründet erweisen werden“, sagte er vor zwei Wochen. „Insiderhandel widerspricht allem, wofür ich stehe.“ Er habe die Aktien im Rahmen eines Vergütungsprogramm gekauft, dessen Eckdaten der Aufsichtsrat festgelegt habe.

Auch Aufsichtsratschef Joachim Faber hat Kengeter in Schutz genommen. „Die Vorwürfe sind haltlos“, erklärte er. Kengeter habe die Aktien etwa einen Monat vor der Aufnahme konkreter Fusionsverhandlungen mit der LSE gekauft.

Von

rtr

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