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09.04.2013

17:31 Uhr

Branchenkreise

Autostahl-Kartell bestand bereits seit 1998

ExklusivBeim Verkauf von Autoblechen sollen sich Thyssen-Krupp, Voestalpine und Arcelor-Mittal seit vielen Jahren abgesprochen haben. Den Unternehmen drohen hohe Bußgelder und Schadenersatzforderungen.

Mercedes-Benz-Fertigung: Autokonzerne haben offenbar seit über einem Jahrzehnt zu viel beim Stahleinkauf bezahlt. Reuters

Mercedes-Benz-Fertigung: Autokonzerne haben offenbar seit über einem Jahrzehnt zu viel beim Stahleinkauf bezahlt.

DüsseldorfDie deutsche Autoindustrie hat offenbar seit über einem Jahrzehnt zu viel beim Stahleinkauf bezahlt. Seit dem Jahr 1998 hätten die Hüttenkonzerne Thyssen-Krupp, Voestalpine und Arcelor-Mittal sich beim Verkauf von Autoblechen abgesprochen, erfuhr das Handelsblatt aus Branchenkreisen. Diese Jahreszahl ist auch in einer Anzeige vermerkt, die anonym beim Bundeskartellamt eingereicht worden ist. Die Behörde hatte Ende Februar Büros und Privaträume von Mitarbeitern der drei Konzerne durchsucht und umfangreiche Unterlagen beschlagnahmt.

In der Anzeige werde detailliert das System beschrieben, mit dem die Stahlfirmen ihre Kunden übervorteilt haben sollen, hieß es. Laut einem Insider sollen vor allem die langlaufenden Lieferverträge von dem Kartell betroffen sein. Es sei bei den Absprachen darum gegangen, den Markt zu glätten.

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Erhärtet sich dieser Verdacht, dann drohen den Unternehmen neben einem hohen Bußgeld auch Schadensersatzforderungen in Milliardenhöhe. Alleine Thyssen-Krupp erzielt im europäischen Stahlgeschäft ein Drittel des jährlichen Umsatz von elf Milliarden Euro mit der Automobilindustrie. Zu den wichtigsten Kunden zählen Daimler, Volkswagen, Ford und General Motors mit seiner deutschen Tochter Opel.

Vertreter von Thyssen-Krupp und Voestalpine betonten, dass sie intensiv an der Aufklärung der Vorwürfe arbeiteten. Erfolge können sie bei ihren internen Ermittlungen aber nicht vorweisen. Bislang habe noch kein Unternehmen weitergehende Informationen an das Kartellamt gegeben, wie es in den Kreisen heißt.

Die Schattenseiten von Thyssen-Krupp

Umgang mit Geschäftspartnern

Thyssen-Krupp soll den Wettbewerber Salzgitter bei einer Gemeinschaftsfirma betrogen haben. Im Zentrum der Vorwürfe steht GfT Bautechnik, an der Salzgitter bis vor einem Jahr beteiligt war und die exklusiv die Spundwände der Niedersachsen vertrieben hatte. Bei einer Prüfung im Sommer 2011 sei Salzgitter aufgefallen, dass der Ruhrkonzern zu wenig Geld an die Niedersachsen für die Lieferung dieser Stahlprodukte überwiesen habe.

Umgang mit Geschäftspartnern (2)

Thyssen-Krupp muss sich wegen illegaler Preisabsprachen im Schienengeschäft auf eine Klage der Deutschen Bahn gefasst machen, allerdings wird auch weiter über eine außergerichtliche Einigung verhandelt. Thyssen-Krupp war Teil eines Karrtells, zu dem auch die österreichische Voestalpine und das Bahntechnikunternehmen Vossloh gehörten. Die Firmen sollen von 2001 bis 2008 und teilweise bis 2011 Preise – unter anderem zum Schaden der Bahn – abgesprochen haben.

Umgang mit Gewerkschaftern

Der Industriekonzern Thyssen-Krupp hat Gewerkschafter zu kostspieligen Reisen in der ersten Klasse eingeladen. Mehrfach flogen Vertreter des Arbeitnehmerflügels im Aufsichtsrat nach Asien und Amerika, aber auch zu exotischen Zielen. Die Reisen hatten zum Teil touristischen Charakter

Querelen im Vorstand

ThyssenKrupp-Vorstand Jürgen Claassen ließ im Zuge von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Essen im Zusammenhang mit Luxusreisen Anfang Dezember 2012 sein Amt ruhen. Er wolle durch den Schritt „angesichts der derzeitigen öffentlichen Berichterstattung Schaden vom Unternehmen fernhalten“. Claassen war wegen luxuriöser Reisen in die USA unter Druck geraten, die er von seinem Arbeitgeber finanzieren ließ, obwohl sie nicht vornehmlich dienstlich veranlasst schienen.

Wenige Tage später griff Aufsichtsratschef Gerhard Cromme durch und setzte nicht nur Claassen vor die Tür. Auch zwei weitere Vorstände mussten gehen – insgesamt die Hälfte der Mitglieder des Top-Führungsgremiums.

Korruptionsvorwürfe

Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt gegen 14 Beschuldigte wegen des Verdachts auf Untreue. Im Zusammenhang mit einem Bauprojekt in Kasachstan soll es Schmiergeldzahlungen an eine Briefkasten-Firma im US-Bundesstaat Georgia gegeben haben. Die Ermittlungen gingen auf interne Ermittlungen von Thyssen-Krupp zurück.

Das Werk in Brasilien (1)

Als Thyssen-Krupp 2005 seine Pläne für die Expansion auf den Stahlmarkt in Südamerika und den USA präsentierte, klang alles sehr einfach. Mit günstig in Brasilien produziertem Qualitätsstahl wollte der Ruhrkonzern den US-Hüttenbetreibern Marktanteile abjagen. Dass deutsche und asiatische Autokonzerne zeitgleich im Süden der USA Produktionsstätten errichteten, machte die Strategie plausibel.

Problematisch war allerdings die Umsetzung. Die Stahlhütte vor den Toren der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro kostete nicht 1,3 Milliarden Euro, wie zunächst angekündigt. Die Investitionen summierten sich letztendlich auf mehr als fünf Milliarden Euro. Das Werk wurde weitaus teurer. Wegen Fehlplanungen muss die Kokerei umfangreich nachgebessert werden, auch bei anderen Teilen des Hüttenwerks gibt es Probleme.

Das Werk in Brasilien (2)

Im Werk der lokalen Thyssen-Krupp-Tochter CSA wurde mehrfach Graphitstaub in die Luft gewirbelt. Der sogenannte „Silberregen“ setzte sich in etwa zwei Kilometern Entfernung vom Stahlwerk im Nachbarort Santa Cruz auf Straßen und Häusern ab. Die Anwohner klagten über Atembeschwerden und Hautausschläge. Seit der Eröffnung des Werks im Jahr 2010 hat Thyssen-Krupp-CSA wegen der Pannen mehrfach Strafen zahlen müssen: umgerechnet 700.000 Euro beim ersten, 1,1 Millionen Euro beim zweiten Mal und zuletzt vier Millionen Euro.

Das Werk in den USA

Auch beim Bau eines Stahlwerks im US-Bundesstaat Alabama hatte sich der Stahlkonzern verkalkuliert. Wegen Planungsfehlern und veränderten Rahmenbedingungen entwickelte sich auch diese Projekt zu einem Milliardengrab. Gemeinsam belasten die beiden Hütten die Bilanz mit mehreren Milliarden Euro. Insgesamt hat Thyssen-Krupp zwölf Milliarden Euro für die Werke ausgegeben.

Von

mur

Kommentare (2)

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aktionaer

09.04.2013, 19:12 Uhr

na bitte, geht doch, denn ich bin short bei den Stahlherstellern.

der gewaltige einbruch am China Markt / stahl hat IMMER einen wichtigen Hintergrund, man sollte ihn nutzen, um sich entsprechend zu positionieren. Und auch der extreme Dax-Einbruch letzte Woche war nur ein Vorgeschmack.

Andy

10.04.2013, 11:24 Uhr

Liebes Handelsblatt!

Dann befragt doch mal bei der voestalpine den heutigen
Vorstandsvorsitzenden Dr. Wolfgang Eder!

Dann müssen die Konzerne nicht weiter intensiv an der
Aufklärung der Vorwüfe arbeiten und es kann eine Menge
an Geld gespart werden.

Und Herr Eder wird als damaliger Hauptverantwortlicher
für diesen Bereich eine Menge zu berichten haben und
die Aufklärung der Vorwürfe ist schnell abgearbeitet.

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