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01.03.2011

11:40 Uhr

Buch von Martin Wehrle

Wenn die Mitarbeiter auspacken

VonThorsten Giersch

Deutsche Firmen haben einen glänzenden Ruf. Je weiter man von Deutschland weg, umso besser wird er, sagt Martin Wehrle. Doch der Fachmann weiß es besser. Tatsächlich herrscht das Chaos.

Stress im Büro: Man könnte es sich viel einfacher machen. Quelle: © Images.com-CORBIS

Stress im Büro: Man könnte es sich viel einfacher machen.

Düsseldorf Für Martin Wehrle steht fest: Die deutschen Firmen haben einen glänzenden Ruf. Und je weiter man sich von Deutschland entfernt, umso besser wird er. Hier im eigenen Land sei es mit der Seriosität nicht weiter her: „Wenn Mitarbeiter auspacken, bröckeln die Fassaden deutscher Unternehmen.“

Und gegenüber Wehrle haben viele Mitarbeiter ausgepackt. Der frühere Manager und Chefredakteur leitet heute die Karriereberater-Akademie in Hamburg. Wehrle hat bereits mehrere Bücher über Karrierethemen geschrieben, jetzt kommt sein neues Werk heraus: In „Ich arbeite in einem Irrenhaus. Vom ganz normalen Büroalltag“ deckt er schonungslos und glaubwürdig auf, was in deutschen Firmen schief läuft. Dabei kommt bei aller Präzision der Humor nicht zu kurz. Der zweite Teil besteht zudem aus dem „großen Irrenhaus-Test“, wo sich jeder selbst wieder finden kann. Es folgen ein paar Kostproben zu bestimmten Stichworten.

"Ich arbeite in einem Irrenhaus"

Die Realitäten richten sich nach dem Chef

Wehrle berichtet von einem wahren Beispiel für Paragraf 4 der Irrenhaus-Ordnung: Nicht der Chef hat sich nach den Realitäten zu richten, sondern die Realitäten nach dem Chef.

Die Geschäftsleitung ordnete einen Umzug der Firma an. Der Vermieter hätte Eigenbedarf angemeldet. Das neue Gebäude steht an der anderen Ecke der Stadt. Etliche Mitarbeiter standen stundenlang im Stau – rechneten sich aus Wut aber als Arbeitszeit an. Erst später kam heraus, dass der Chef um die Ecke des neuen Gebäudes wohnte und nach all den Jahren des Staus selbst den Umzug eingeleitet hatte.

Ossis werden nicht eingestellt

Das Thema Personal-Auswahl beschäftigt Wehrle besonders. Er berichtet von dem bundesweit bekannten Beispiel einer Buchhalterin, das im Verlauf auch die Arbeitsgerichte beschäftigte: Ein schwäbischer Fensterbauer schickte der Dame eine Absage auf ihre Bewerbung, die aber noch den Lebenslauf enthielt. In diesem fand die Buchhalterin die handschriftliche Anmerkung „Ossi“ mit einem dicken Minuszeichen. Als Antwort auf ihren Protest schickte ihr das Unternehmen die Todesanzeige eines ehemaligen Mitarbeiters, der auch Ostdeutscher war.

99 Prozent Vorurteil

Solche Beispiel kennt Wehrle zur Genüge und er leitet von ihnen den siebten Paragrafen seiner Irrenhaus-Ordnung ab: Absagen an Bewerber dürfen zu 99 Prozent auf Vorurteilen basieren (das stört keinen) – aber der Absagebrief darf nicht ein Prozent davon durchblicken lassen (das führt zu Prozessen).

 

Welche Bewerber bevorzugt werden5

Bei Einstellungen sieht Wehrle die persönliche Note und akademische Zeugnisse klar im Vorteil gegenüber der tatsächlichen fachlichen Eignung. Das führt ihn zu Paragraf sacht seiner Irrenhaus-Ordnung: Bei der Einstellung sind Bewerber zu bevorzugen, die den vorhandenen Mitarbeitern so sehr ähneln, dass man sie eigentlich nicht bräuchte – aber sicher sein kann, dass sie keine Neuerungen einschleppen.

Wie man seine eigene Position schützt

Hat man es dann doch in die Firma geschafft, ist es an der Zeit, seinen Platz im Gefüge zu finden. Die etablierte Ordnung muss da rasch einverleibt werden. Wer sitzt auf welche Position? Wehrle gibt zu bedenken: Positionen sind schützenswert: Sie werden niemals auf Mitarbeiter zugeschnitten. Mitarbeiter sind nicht schützenswert. Sie werden auf Positionen zugeschnitten.

Die richtige Entscheidung treffen

Für Wehrle haben der Dienstweg und die Milchstraße eine große Gemeinsamkeit: Beide sind keine gangbaren Wege. Der Dienstweg sei ein Traumschiff der Theorie, das an den Klippen der Realität zerschellt.

Der Wahnsinn namens Meeting

Wenig überraschend ist Wehrle kein Freund von Meetings. Sie bremsen aus. In ihnen gehe es nur um Macht, nicht um die Sache und der Sachverstand bleibe häufig vor der Tür. Kurzum: Wer vor dem Meeting ein Problem hat, ist danach einen schritt weiter – er hat zwei Probleme!

Frauenzersäger gesucht

Ein weiteres Zitat zum Thema richtiges Handeln: Mit dem Handeln im Unternehmen ist es wie mit dem Frauenzersägen im Zirkus: Man muss es nicht tatsächlich tun, sondern nur möglichst spektakulär vortäuschen. Das reicht für den Erfolg.

Die Vision von der Vision

Und wenn es schon mit dem „richtigen“ Handeln nichts wird, dann braucht man wenigstens eine Vision. Wehrle hast das Wort und die Idee dahinter: Visionen seien nichts anderes als Ersatzdrogen fürs Handeln. Er begründet das folgende Zitat mit mehreren Beispielen: Wenn eine Firma weiß, was sie will, tut sie es. Wenn sie es nicht weiß und nichts tun will, entwickelt sie eine Vision.

Fort mit der Fortbildung

Lebenslanges Lernen, Mitarbeiter sollen sich ständig weiterentwickeln. Fortbildungen sind also per se nötig und sinnvoll. Und kaum ein Unternehmenschef bestreitet dies in der Öffentlichkeit. Und doch kommt Wehrle nach seinen Erfahrungen zu dem Schluss: Es stimmt nicht, dass Firmen gegen Fortbildungen sind – sie sind nur dagegen, dass Fortbildungen etwas kosten. Und dass Mitarbeiter in dieser Zeit fort sind.

Die Großen verlieren immer

Wehrle widmet sich im Mittelteil auch den großen Konzernen und ihren besonderen Eigenschaften. Dazu gehört auch, dass börsennotierte Firmen alle drei Monate ihre Zahlen offen legen müssen, wenn man das denn so nennen will: Quartalszahlen sind wie Mofas: Wer sie nicht frisiert, wird abgehängt. Und er äußert sich auch zum Sinn und Unsinn von Fusionen: Ein Unternehmen kann besser werden. Oder fusionieren.

Vererbter Wahnsinn im Mittelstand:

Im Mittelstand ist also alles besser? Keineswegs, nur anders, schreibt Wehrle: Böse Zungen behaupten, ein mittelständischer Unternehmer komme gleich nach dem lieben Gott. Das ist natürlich falsch: Er kommt davor! Und der Nachfolger mache es nicht immer besser: Der Tod eines Unternehmers führt zu Erben. Die Erben führen zum Tod des Unternehmens.

Irrenhaus-Steckbrief: Heuchelei

Die Firma tut nicht, was sie sagt. Sie verspricht Mitarbeitern und Kunden mehr, als sie hält. Nur die Doppelmoral ist ihr heilig.

Irrenhaus-Steckbrief: Profitsucht

Die Firma fühlt sich nur einem „höheren2 Ziel verpflichtet: der Gewinnmaximierung. Der Kunde ist nur eine Einnahmequelle und der Mitarbeiter nur ein Mohr, der gehen kann, wenn er seine Schuldigkeit getan hat.

Irrenhaus-Steckbrief: Egozentrik

Die Firma ist vor allem mit sich selbst beschäftigt, nicht mit dem Markt. Man definiert Prozesse, zelebriert Meetings, schlägt Schaum. Die Mitarbeiter sind auf den Chef fixiert.

Irrenhaus-Steckbrief: Dilettantismus

Entscheidungen werden gewürfelt, die Chefs verdienen ihren Namen nicht. Der Horizont reicht nicht weiter als bis zum Stadtbus.

Bibliografie:

Martin Wehrle

Ich arbeite in einem Irrenhaus. Vom ganz normalen Büroalltag

Econ Verlag, Berlin 2011

283 Seiten

Kommentare (4)

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herbert1949

01.03.2011, 15:55 Uhr

Ehemaliger Mitarbeiter einer großen Lev. Chemiefirma. Da kann man aber etliches wiedererkennen.

andre

17.03.2011, 11:10 Uhr

Der Artikel verdient den Tastendruck auf F7 in Word. Oder ein Lektorat.

Account gelöscht!

02.10.2012, 11:06 Uhr

Meine Ergänzungen:

Wo wir sind, ist das Chaos. Aber wir können nicht überall sein.

Wir sparen - koste es, was es wolle!

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