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31.01.2007

14:56 Uhr

Budgetierung

Wenn Controller keinen Plan haben

VonKatrin Terpitz

„Budgetierung ist die wahrscheinlich ineffizienteste Managementpraxis überhaupt“, findet Jack Welch, ehemaliger Chef von General Electric. Für den Management-Vordenker steht fest: Unternehmen erzielen wirkliche Erfolge meist trotz – nicht dank – ihrer Finanzplanung.

Fast vier Monate brauchen Unternehmen, um ihr Jahresbudget zu erstellen.

Fast vier Monate brauchen Unternehmen, um ihr Jahresbudget zu erstellen.

DÜSSELDORF. Noch immer verschlingt die alljährliche Budgetplanung der Unternehmen enorm viel Zeit und bindet Energien. Zehn Mann-Monate sind es hier zu Lande im Schnitt, hat der Internationale Controller Verein (ICV) ermittelt. Zwar haben sich die Durchlaufzeiten in den letzten drei Jahren deutlich verringert – von durchschnittlich fast 20 Wochen auf knapp 16 Wochen. Das zeigt eine Befragung von über 200 Finanzentscheidern aus einem Querschnitt deutscher Unternehmen – von Bosch über Porsche bis Heideldruck – durch die Managementberatung Horváth & Partners. Sie liegt dem Handelsblatt exklusiv vor. Allerdings räumen die Controller selbstkritisch ein: Wir könnten schneller sein. Fast jeder Zweite hält eine Budgetierung in acht bis zehn Wochen für realistisch. Jeder Siebte peilt sogar vier bis sechs Wochen an.

Eine straffe Planung scheint sich auszuzahlen: „Unternehmen, die weniger als zehn Wochen für die Budgetierung brauchen, gehören innerhalb ihrer Branche zu den Erfolgreichen“, weiß Joachim Esser, Leiter der Horváth-Niederlassung Berlin. Zum Beispiel der Stahltechnologiekonzern Salzgitter, wegen glänzender Ergebnisse als heißer Dax-30-Anwärter gehandelt. Finanzvorstand Heinz Jörg Fuhrmann: „Der Kernprozess unserer Planung dauert acht bis zehn Wochen. Vor zehn Jahren waren es noch zwölf Wochen – bei deutlich niedrigeren inhaltlichen und formalen Ansprüchen.“ Der Vorteil: Wer nach der Sommerpause erst in die Planung einsteigt, kennt die Marktentwicklung besser und ist näher an der Planungszeit dran. „Wer zu früh entscheidet, den bestraft das Leben“, resümiert Controlling-Berater Niels Pfläging.

Doch im Handumdrehen ist der ganze Planungsaufwand Makulatur: Bereits nach drei Monaten ist über die Hälfte aller Budgets überholt, wie eine Befragung von 225 deutschen Controllern durch den ICV ergab. Kritiker sehen in Einjahres-Zielvorgaben, die bis in die letzten 100 Posten der Kostenstellen ausgefeilt sind, einen Anachronismus. „Wir versuchen, der Wissensökonomie des 21. Jahrhunderts mit den Werten des getakteten Maschinenzeitalters beizukommen“, moniert Pfläging, Autor von „Führen mit flexiblen Zielen. Beyond Budgeting in der Praxis“.

Traditionelle Budgetplanung ist nicht nur teuer und extrem zeitaufwendig – sie schafft auch eine „Kultur der organisierten Verantwortungslosigkeit“, ist Pfläging – selbst lange Jahre Controller – überzeugt. Das fängt schon damit an, Budgetreste zu verheizen, um Kürzungen im Folgejahr zu entgehen. Jack Welch haut in dieselbe Kerbe: „Jahrelang wurden Mitarbeiter – nicht nur bei GE – darauf getrimmt, Budgetvorgaben einzuhalten – koste es, was es wolle.“ Salzgitter-Finanzchef Fuhrmann warnt: „Planung darf nicht zu geistiger Selbstbefriedigung ausarten. Das Inhaltliche muss im Vordergrund stehen.“ Firmen aber, bei denen sich alles nur noch um die Erfüllung des Budgets dreht, verlieren oft Wettbewerber sowie Unternehmenserfolg aus den Augen – und versinken in Mittelmäßigkeit, warnt Berater Esser. Denn Budgetvorgaben setzen falsche Anreize. Esser: „Sind Planziele Maßstab für Tantiemen, legt doch keiner die Latte zu hoch.“ Die Folge: „Kühne Geschäftsvisionen ersticken im Keim“, kritisiert Welch. Er fordert: Incentives dürfen nicht an Budgetziele gekoppelt sein. Doch die Realität sieht anders aus: Nur in jeder fünften von Horváth befragten Firma sind oder werden Zielvereinbarungen des Managements von der Budgetierung gelöst. Jede dritte will sie im Gegenteil noch stärker an die Budgeterfüllung koppeln.

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