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18.01.2007

13:58 Uhr

Butterkeks-Erfinder Hermann Bahlsen

„Kekse finde ich scheußlich“

VonHelge Hesse

Hermann Bahlsen wusste sich durchzusetzen: Er erwirkte, dass das englische Wort „Cakes“ eingedeutscht wurde und als "Kekse" Einzug in den Duden fand. Seine Liebe zur Philosophie führte zum Namen Leibniz-Butterkeks. Doch dies war nicht alles, was Bahlsen als innovativen Unternehmer auszeichnete.

DÜSSELDORF. Wenn die Rede auf das Universalgenie Gottfried Wilhelm Leibniz kommt, wird immer wieder gerne der Witz bemüht, dass er ja neben seinen Beiträgen zu der Naturwissenschaft und zur Philosophie auch den Keks erfunden habe. Zwar stimmt dies nicht, doch es ist keineswegs sicher, ob bei einer Umfrage, was einem bei dem Namen Leibniz zuerst einfalle, nicht doch der Keks den Wissenschaftler besiegen würde.

Schuld daran ist ein gewisser Hermann Bahlsen. Der in Hannover geborene Kaufmann hatte in England, wo er zeitweilig mit Zucker handelte, das dortige Teegebäck kennen und schätzen gelernt, das dann nach und nach auch in Deutschland zunehmende Beliebtheit fand.

Zurück in seiner Heimatstadt beteiligte sich Bahlsen zunächst an einer Backwarenfabrik, um schließlich 1889 die „Hannoversche Cakesfabrik H. Bahlsen“ zu gründen. Das Gebäck, das Bahlsen anbot, hob sich von dem seiner Mitbewerber allein schon dadurch ab, dass er es nicht lose verkaufte, sondern abgepackt in Tüten. Die Backwaren mit Buttergeschmack nannte er ab 1892 Leibniz-Cakes.

Seinerzeit war es Mode, Speisen nach Berühmtheiten zu benennen. So erhielten um jene Jahre herum auch die Mozartkugel, der Bismarckhering und das Bœuf Stroganoff ihre Namen. Dass sich Bahlsen für Leibniz als Namenspatron seines Produktes entschied, lag sowohl an seiner Liebe für die Philosophie als auch an seinem Lokalpatriotismus, denn Leibniz hatte jahrelang in Hannover gelebt.

Der Begriff Marketing war seinerzeit noch nicht erfunden, Bahlsen jedoch beherzigte die gesamte Klaviatur moderner Vermarktung. So beließ er es nicht bei der einheitlichen Verpackung und dem einprägsamen Markennamen. Er erhöhte 1903 die Haltbarkeit des Gebäcks durch eine verbesserte Verpackung. Auf den Verpackungen erschien neben dem Namen Leibniz und dem Jugendstilschriftzug des Namens von Bahlsen auch eine Hieroglyphe mitsamt dem diesem Wort entsprechenden Schriftzug TET. Es bedeutet sinngemäß „Dauerhaftigkeit“. Die Kekse selbst besitzen bis heute je 52 Zähne und 15 auf der Vorderseite eingestanzte Punkte. Bahlsen betrieb innovative Werbung: 1898 ließ er eine Leuchtreklame auf dem Potsdamer Platz in Berlin installieren, der Leibniz-Keks wurde zum Inbegriff der idealen kleinen Stärkung auf Reisen, wozu auch Werbeslogans beitrugen wie „Was isst die Menschheit unterwegs? – Na selbstverständlich Leibniz-Cakes!“

Aber auch in der Produktion war Bahlsen ein Pionier. 1905 nahm er als Erster in Europa die Fließbandproduktion auf. Leibniz kämpfte schließlich um die Eindeutschung des Wortes „cake“. Es fand als Keks 1911 Eingang in den Duden. Bahlsens Wunsch war es, so auch den Plural zu nennen – seine Frau ließ er in einem Brief wissen: „Wir gedenken: Der Keks und die Keks zu schreiben. Kekse finde ich scheußlich!“ –, setzte sich aber nicht durch. Deshalb darf das Krümelmonster in der deutschen Sesamstraße mit rauer euphorischer Stimme rufen: „Kekse!“

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