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21.11.2012

07:29 Uhr

Cityboy Geraint Anderson

„Gier, Rücksichtslosigkeit und Raffinesse“

VonKatharina Slodczyk, Olaf Storbeck

Der Skandalhändler Kweku Adoboli ist verurteilt worden. Doch Betrug und Trickserei gehören zum Alltag in den Finanzvierteln, meint Geraint Anderson. Der Ex-Banker hat das Buch „Cityboy“ über seine Arbeit geschrieben.

Finanzviertel von London: Der Ex-Banker Geraint Anderson packt aus. dpa

Finanzviertel von London: Der Ex-Banker Geraint Anderson packt aus.

Handelsblatt: Wegen Betrugs wurde der frühere UBS-Händler Kweku Adoboli gerade verurteilt. Die gesamte Branche steht unter dem Verdacht, einen wichtigen Marktzinssatz manipuliert zu haben. Sind sie überrascht angesichts dieser Entwicklungen?
Geraint Anderson: Diese Form der Manipulation des Libor-Zinssatzes habe ich nicht erwartet. Aber im Prinzip bin ich nicht überrascht. Cityboys tun alles, was sie können, um schnell Geld zu machen. Moral und Ethik bleiben da außen vor.

Haben Sie so etwas in früheren Zeiten als Bank-Mitarbeiter auch selbst erlebt?
Die Art der Manipulation, die ich in meiner Zeit als Aktienhändler erlebt habe, ging mehr in eine andere Richtung: Man kauft Aktien eines bestimmten Unternehmens, setzt Gerüchte über eine mögliche Übernahme in die Welt und verkauft die Aktien, sobald der Kurs wegen der Übernahmespekulationen gestiegen ist. „Pump and dump“ haben wir das genannt. Eine andere Form von Manipulation ist der „Bear Ride“. Man erzählt jedem vor der bevorstehenden Gewinnwarnung eines Unternehmens, dessen Aktien wir über Leerverkäufe veräußert haben.

Der Autor von „Cityboy“, Geraint Anderson. Börsenbuchverlag

Der Autor von „Cityboy“, Geraint Anderson.

Und Sie haben mitgemacht?
Ja. Irgendwann habe ich aber angefangen, eine Kolumne über die Vorgänge in der City und später ein Buch zu schreiben. Ich war so entsetzt war über den Mangel an ethischen Maßstäben in der Branche. Ich komme aus einer eher linken Familie. Und ich bin zu dem Punkt gekommen, dass ich für das falsche Team spiele. Was ich erlebte, kam einem großen Casino gleich, um es mal klischeehaft zu beschreiben.

Wer hat Ihnen die nötigen Tricks beigebracht?
Man kann so etwas nicht zu offen machen, denn es gibt natürlich Regulatoren und Aufseher. Aber es gibt diesen grundsätzlichen Ethos: Man fragt nicht nach, wie die Gewinne entstehen. Man geht nicht in die Finanzbranche, um die Welt zu verbessern oder um sich zu verwirklichen. Man arbeitet in der City, um schnell Geld zu machen. Es gibt dort diese Mentalität, dass man um jeden Preis gewinnen muss. Dazu gehört es, die Regeln zu brechen oder zumindest bis zum Äußersten auszureizen. Der einzige echte Fehler, den man in der City begehen kann, ist, sich dabei erwischen zu lassen.

Banken die in den Libor-Skandal verwickelt sind

16 Großbanken beteiligt

Die Affäre um Zinsmanipulationen durch Großbanken hat die Ermittler in Europa, Japan und den USA auf den Plan gerufen. Insgesamt werden derzeit mehr als ein Dutzend Institute durchleuchtet. Ihnen wird vorgeworfen, beim Libor-Zinssatz getrickst zu haben. Der einmal täglich in London ermittelte Libor zeigt an, zu welchen Konditionen sich Banken untereinander Geld leihen und dient damit als Referenz für billionenschwere Kreditgeschäfte mit Kunden rund um den Globus.

Die Ermittlungen konzentrieren sich derzeit auf das Jahr 2008, als sich die Finanzkrise zuspitzte. Damals trugen 16 Großbanken zur Festsetzung des Libor bei. Im Folgenden einige Informationen zu diesen Instituten (in alphabetischer Reihenfolge):

Bank of America

Das US-Institut ist von den Ermittlungen betroffen, wie die Nachrichtenagentur Reuters von einem Insider erfahren hatte. In ihrem Geschäftsbericht 2011 hat sich die Bank zur Sache aber nicht geäußert. Wegen Libor wurde die Bank vom Brokerhaus Charles Schwab verklagt.

Barclays

Die britische Großbank hat ein Fehlverhalten einiger Händler beim Libor eingeräumt und wurde zu einer Strafe von einer halben Milliarde Dollar verdonnert. Die Führungsspitze muss gehen. Ein Untersuchungsausschuss des Parlaments in London befasst sich mit der Aufklärung des Skandals und der Frage, wie viel die Aufseher von den Zinsmanipulationen wussten.

BTMU

Im Februar 2012 wurde bekannt, dass die Schweizer Behörden unter anderem gegen das japanische Geldhaus Bank of Tokyo-Mitsubishi UFJ wegen mutmaßlicher Zinsmanipulationen ermitteln. Die Bank machte dazu in ihrem Geschäftsbericht 2011 keinerlei Angaben. Zwei in London ansässige Händler wurden wegen Manipulationsvorwürfen beurlaubt - nach offiziellen Angaben hatte das aber nichts mit ihrer Arbeit bei BTMU zu tun.

Citigroup

Die US-Bank hat eingeräumt, dass Töchter von den Ermittlungen betroffen sind und ihre Kooperation bei der Aushändigung von Informationen angekündigt. In den USA ist die Bank auch von Libor-Klagen betroffen. In Japan wurde einigen Citi-Mitarbeitern auch die Manipulation des Interbanken-Zinssatzes Tibor vorgeworfen.

Credit Suisse

Die Schweizer Bank wird von den heimischen Behörden durchleuchtet. Sie werfen dem Institut als einem von insgesamt zwölf Häusern vor, Libor und Tibor manipuliert zu haben sowie damit zusammenhängende Derivate. Die Bank hat ihre Kooperation bei der Aufklärung der Vorwürfe zugesichert.

Deutsche Bank

Der deutsche Branchenprimus kooperiert mit den Ermittlern in den USA und Europa, die Untersuchungen drehen sich um den Zeitraum 2005 bis 2011. Wegen Libor gibt es in den USA bereits Klagen gegen das Geldhaus. In Deutschland hat die Bankenaufsicht Bafin Kreisen zufolge eine Sonderprüfung eingeleitet, die Ergebnisse stehen noch aus. Zwei Mitarbeiter hat das Geldhaus Finanzkreisen zufolge bereits suspendiert.

HBOS

Die inzwischen zu Lloyds gehörende Bank taucht ebenfalls in Klageschriften in den USA auf. Im Geschäftsbericht 2011 teilte HBOS mit, die Auswirkungen und das Ergebnis der Ermittlungen und Prozesse seien nicht abzuschätzen. Die Bank arbeite mit den Behörden zusammen.

HSBC

Die Bank hat erklärt, die Aufseher hätten sie um Informationen im Zusammenhang mit den Libor-Ermittlungen gebeten und man kooperiere. In den USA tauchte die HSBC auch in Klageschriften im Zusammenhang mit Libor auf. Im Geschäftsbericht 2011 hieß es, das Ergebnis der Ermittlungen und Prozesse sei nicht abzuschätzen.

JP Morgan

Die Bank hat erklärt, sie arbeite mit den Ermittlern zum Thema Libor, Euribor und Tibor zusammen, das betreffe vor allem die Zeiträume 2007 und 2008. Die Bank taucht auch als Beschuldigte in US-Klagen auf.

Lloyds

Auch Lloyds hat eine Zusammenarbeit mit den Ermittlern zugesagt und taucht in US-Klagen zu Libor auf. Im Geschäftsbericht 2011 erklärte die Bank wie die anderen Institute, der Ausgang der Ermittlungen sei offen.

Norinchuckin

Die japanische Bank hat die Libor-Ermittlungen in ihrem Geschäftsbericht 2011 nicht erwähnt. Im April 2011 war das Institut eines von zwölf, die vom Vermögensverwalter FTC Capital wegen mutmaßlicher Zinsmanipulationen verklagt worden waren.

Rabobank

Das niederländische Geldhaus, ebenfalls in einigen US-Klagen beschuldigt, arbeitet nach eigenem Bekunden mit den Ermittlern bei Libor zusammen. Die Bank hat erklärt, sie halte die Klagen für unbegründet und werde sich gegen die Vorwürfe entsprechend verteidigen.

RBC

Kanadas größte Bank machte in ihrem Geschäftsbericht 2011 keinerlei Angaben dazu, ob sie von Ermittlungen wegen mutmaßlichen Zinsmanipulationen betroffen ist.

Royal Bank of Scotland

Die britische Großbank Royal Bank of Scotland (RBS) hatte erklärt, mit den Ermittlern zusammenzuarbeiten. Mehreren Mitarbeitern wurde Fehlverhalten vorgeworfen. Das Institut zahlt eine Strafe in Höhe von 615 Millionen Dollar an britische und US-Behörden.

UBS

Die Schweizer Bank hoffte als Kronzeuge bei den Libor-Ermittlungen darauf, dass die Behörden etwa in den USA und der Schweiz Milde walten lassen. Doch die Strafe fiel hoch aus: 1,16 Milliarden Euro zahlt die Bank wegen des Libor-Skandals.

WestLB

Aus Finanzkreisen wurde bereits im März vergangenen Jahres bekannt, dass die WestLB zu den untersuchten Instituten zählt. In ihrem Geschäftsbericht 2011 ging die Bank auf die Libor-Ermittlungen nicht ein. Allerdings zog sich das Haus schon im Juli 2011 aus dem Kreise jener Banken zurück, die den Dollar-Libor festsetzen. Die Landesbank ist inzwischen aufgelöst und kam damit den EU-Auflagen nach.

Wie sind ihre Kollegen damit umgegangen? Wurde darüber offen geredet?
Über das meiste wurde geschwiegen. Man prahlt schließlich nicht mit kriminellen Dingen. Das könnte einen ja den Job kosten. Was man auf jeden Fall sicherstellen musste, war die Risiko-Analyse, bevor man etwas unternahm. Wenn das Risiko, erwischt zu werden, niedrig erschien und der mögliche Ertrag eines Deals sehr hoch, entschied man sich für den Deal. Nehmen wir mal das Beispiel Insiderhandel: Aus den Statistiken der Aufsichtsbehörden geht hervor, dass 30 Prozent aller Aktienkäufe verdächtige Kursbewegungen vorausgegangen waren. Aber in der Regel passiert nichts. Das zeigt: Man kann viel Geld durch Insiderhandel machen, ohne erwischt zu werden.

Wer macht einen auf solche Möglichkeiten aufmerksam? Die älteren Kollegen, die Chefs?
Ja, so funktioniert es manchmal. Die Älteren klären die Jüngeren über die verschiedenen Tricks auf. Manchmal lernt man auch einfach von den Kollegen. Der eigentliche Grund, warum wir diese Probleme in der Branche haben, ist doch das enorme Konkurrenzdenken und die Belohnung, die am Ende winkt.

Kommentare (5)

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overshoot

21.11.2012, 09:20 Uhr

"It`s the credit crunch, live and direct in your face!!"

G. Anderson im Spätherbst 2008

schmurf

21.11.2012, 10:45 Uhr

Jeder Fahrstuhl, jedes Auto, jede Industrieanlage, jedes Kraftwerk wird von Leuten geprüft deren Firmen mit Bonussystemen vergüten. Bei den Banken wird gejammert, da wo es um Sicherheit anderer Art geht interessiert es kein Schwein.

REALIST

21.11.2012, 11:25 Uhr

Selbst Schuld .Wir sind alle schuldig denn das Geld mit dem die Zocker-Bänker ihre zweistellige Erträge erzielen ist das Geld das wir ihnen anvertrauen für 5 oder 6% Rendite.Was der gutgläubige Kleinanleger nicht sieht ist folgendes :der Bänker hat mit siener Entlohnung ,Boni,Stock-Options kurtzfristig ausgesorgt , der Otto-Kleinanleger bekommt kurtzfristig 5% wird aber lanzeitig geprellt .Dazu trägt er noch bei das System das ihm seine tägliche Existenz sichert in Gefahr zu bringen. Gibt es einen Ausweg ? Ich glaube nicht :dazu ist die allgemeine Bildung in Finanzbelangen ungenügend und sind die Finanzmakler viel zu schlau.

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