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22.02.2006

18:08 Uhr

Coachs

Scharlatane mit grauen Schläfen

VonJuliane Lutz und Katrin Terpitz

Schwarze Schafe unter den Coachs können viel Schaden anrichten. Leute mit abgebrochenen Karrieren oder gar ohne jede Fachkenntnis bieten ihre Dienste an - denn Coach kann sich jeder nennen. Klienten aber sind oft unkritisch und fallen auf Beutelschneider herein.

Die Fusion zweier mittelständischer Betriebe in Hessen drohte zu scheitern – persönliche Eitelkeiten und unterschiedliche Kulturen prallten aufeinander. Eine Unternehmensberatung empfahl einen Coach. Der erging sich in Power-Point-Präsentationen und belehrte langjährige Mitarbeiter mit Richtig-falsch-Sprüchen. Nach kurzer Zeit war die Situation absolut verfahren. Die Folge: Die Parteien wollten sich nicht mehr an einen Tisch setzen.

Dass Coachs mehr Schaden anrichten, als sie helfen, ist kein Einzelfall. „Auf dem Markt laufen so einige herum, die den Kunden besser erspart geblieben wären“, urteilt Trainer und Autor Jürgen Goldfuß. „Da gibt es Leute mit abgebrochenen Karrieren und solche, die sich ohne jede Fachkenntnis als Coach anbieten.“ Denn Coach kann sich jeder nennen. Die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt.

Mit paradoxen Folgen: Graue Schläfen, Falten und gute Manieren – Eigenschaften, die in den meisten Branchen eher aufs Abstellgleis führen – werden hier mit Sachverstand gleichgesetzt. „Als Coach kann man eigentlich gar nicht alt genug sein“, spottet Christopher Rauen, Herausgeber des Fachblatts „Coaching Report“. Der Grund: „Wo verbindliche Standards fehlen, muss vielfach Lebenserfahrung als Qualitätsmerkmal herhalten“, kritisiert Stefan Kühl diesen „Alterswahn“. Der Professor für Organisationssoziologie an der Bundeswehr-Universität in Hamburg hat für die Deutsche Gesellschaft für Supervision die Studie „Das Scharlatanerieproblem: Coaching zwischen Qualitätsproblemen und Professionalisierungsbemühung“ erstellt, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. In 90 provokanten Thesen hat Kühl Interviews mit 25 repräsentativen Experten, Personalern und Berater, verarbeitet.

Hier zu Lande tummeln sich 3 000 bis 5 000 selbst ernannte Coachs, schätzt Rauen. Doch wie findet man die Seriösen? Bestsellerautor Horst Conen, seit 25 Jahren als Coach tätig, fordert: „Ein Coach muss die Denk- und Verhaltensmuster seiner Klienten erkennen und optimieren. Er muss effektiv helfen können. Das setzt psychologische Vorbildung oder Erfahrung in einem Helferberuf voraus.“

Stefan Wachtel, Coach für Top-Manager bei Expert Corporate Speaking in Frankfurt, stört es mächtig, „dass der Allerweltsbegriff Coaching zu umgehen hilft, was im Training existiert: nämlich eine didaktische Ausbildung.“ Ausbildungsstätten für Coachs gibt es im deutschsprachigen Raum etliche – über 250 hat Rauen gezählt. „Viele Coachs verdienen zum Teil mehr mit der Ausbildung von Nachwuchs als mit der Beratung von Klienten“, stellt Kühl fest. Berufsverbände, Akkreditierer und Zertifizierer schießen wie Pilze aus dem Boden – doch deren Legitimation ist ebenso fraglich. „Manche Coachs versuchen dadurch allein, ihren eigenen Marktauftritt zu verbessern“, kritisiert Kühl.

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