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Special

Special: Cum-Ex

26.09.2016

15:00 Uhr

Paul Smith

Der Informant

VonSönke Iwersen

35 Millionen Euro forderte ein anonymer Informant Ende 2014 für seine Informationen zu Cum-Ex-Geschäften. Die Steuerfahnder winkten ab. Zehn Monate später machten die beiden Seiten doch einen Deal. Nun zittert die Bankenwelt.

Seine Liste ist Gold wert, circa 20 Tonnen davon. Als sich der Mann, der sich Paul Smith nennt, im Sommer 2014 erstmals Gedanken über einen Deal mit der Steuerfahndung machte, stellte er eine einfache Rechnung auf. Das Schicksal hatte es so eingerichtet, dass der Ausländer Informationen besaß, die für ihn wertlos waren, für den deutschen Fiskus aber einen ungeheuren Wert besaßen. 700 Millionen Euro, nahm Smith an, würde der deutsche Staat an Steuern zurückfordern können, wenn er denn wüsste, was Smith wusste. Smith suchte einen Anwalt auf.

Einige Monate später gab es den ersten Kontakt mit der Steuerfahndung Wuppertal. Der Advokat trug eine ungewöhnliche Idee vor. Sein Mandant habe äußerst werthaltige Informationen, sagte er den Beamten. Dafür wolle er einen Finderlohn. Nichts Unanständiges natürlich. Herr Smith dachte an fünf Prozent dessen, was der Fiskus mit seinen Daten gewinnen würde. Das wären 35 Millionen Euro für Smith.

Nun hatten die nordrhein-westfälischen Beamten schon viel erlebt. Keine andere Behörde in Deutschland gab so viel Geld für kopierte Datenträger aus wie die Steuerfahndung in Wuppertal. Aber 35 Millionen Euro? Undenkbar.

Die Verhandlungen, die nun begannen, sollten zehn Monate dauern. Anfangs war Smith scheu wie ein junges Reh. Seinen Namen wollte er nicht verraten, seinen ehemaligen Arbeitgeber schon gar nicht. Die Steuerfahnder ließen ihm Zeit, sich an seine neue Rolle zu gewöhnen. Jahrelang war Smith darin geübt, das Geld von großen Geldinstituten in die richtigen Bahnen zu lenken. Bahnen also, die um die Hände des Fiskus möglichst geschickte Bögen schlugen. Nun hatte Smith das Gegenteil vor. Er wurde zum Verräter.

Smith hatte in seinem Arbeitsalltag viele Einsichten und Daten zu Cum-Ex-Geschäften erhalten. Mehr als 100 Banken in ganz Europa nutzen ein deutsches Steuerschlupfloch. Handelten sie Aktien in ausreichender Milliardenhöhe und zum richtigen Zeitpunkt, so konnten sich die Beteiligten an solchen Deals gleich mehrfach Kapitalertragssteuer erstatten lassen, auch wenn nur einer von ihnen diese Steuer wirklich abgeführt hatte. Mit Hilfe der deutschen Finanzämter kamen so Renditen von bis zu zwölf Prozent zustande – und ganz ohne Risiko.

Smith machte dieses Spiel mit, bis er 2015 aus nicht näher ausgeführten Gründen seine Meinung änderte. Nun war er bereit, sein Wissen mit den Steuerbehörden zu teilen – gegen eine ansprechende Gebühr natürlich.

Aus den 35 Millionen Euro Finderlohn wurde nichts. Doch im Laufe der Monate kamen die Parteien sich näher – und einigten sich schließlich auf einen Rekordpreis. Fünf Millionen Euro erhielt Paul Smith für seinen Datenstick – und mehrere Tage Intensiv-Kurs in Sachen Cum-Ex gab er für die deutschen Steuerfahnder noch obendrauf. Zum Ende der Beziehung wurde das Verhältnis geradezu freundschaftlich.

Inzwischen hat Smith Deutschland freilich wieder verlassen. Von einem unbekannten Ort aus beobachtet er nun die größte koordinierte Steuerfahndungskampagne, die es hier je gegeben hat. Smith hält seinen Wohnort streng geheim. Dafür gibt es gute Gründe. Seine Tage in der Finanzbranche sind gezählt.

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