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Special

Special: Cum-Ex

26.09.2016

15:00 Uhr

Peter Beckhoff

Der Jäger

VonSönke Iwersen

Peter Beckhoff war schon Steuerfahnder, als deutsche Bankangestellte ihren Kunden noch anboten, Schwarzgeld eigenhändig über die Grenze zu tragen. Kurz vor der Pensionierung gelang ihm sein größter Coup.

Eigentlich hat Peter Beckhoff regelmäßig in der Schweiz zu tun. Doch die Dienstreisen nach Zürich oder Basel müssen nun seine Kollegen übernehmen. Das Risiko wäre für den Steuerfahnder aus Wuppertal zu groß.

Im März 2012 erließ die Bundesanwaltschaft Bern Haftbefehl gegen Peter Beckhoff. Gehilfenschaft zur Verletzung des Bankgeheimnisses warfen ihm die Behörden vor, in der Schweiz war das eine derart dringliche Angelegenheit, dass sogar Agenten des Nachrichtendienstes auf den deutschen Beamten angesetzt worden sein sollen. Beckhoff störte das nicht, sagen Männer, die ihn kennen. Staatsfeind in der Schweiz zu sein, sei ja für einen Steuerfahnder quasi ein Ritterschlag. Nicht, dass er den noch bräuchte.

Denn wenn es einen Tafelritter der deutschen Steuerfahndung gibt, dann ist es Peter Beckhoff. Seit mehr als 20 Jahren dominiert er sein Metier. Als Leiter des Finanzamtes für Steuerstrafsachen und Steuerfahndung in Wuppertal hat er schon fast ein Dutzend Käufe sogenannter Steuer-CDs angeschoben. Das sind Datenträger von Insidern, die ihr Wissen über dubiose Steuertricks zu Geld machen wollen. Kritiker werfen Beckhoff deshalb mindestens Hehlerei vor, manchmal auch Anstiftung zu Straftaten.

Es ist eine Kritik, die Beckhoff an sich abprallen lässt. Gut ist, was funktioniert, lautet sein Motto. Wenn er darauf warten würde, dass ein Mitglied der Finanzbranche das schlechte Gewissen packt, hätte Beckhoff nicht viel zu tun. Das Anreizsystem funktioniert eben nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Steuerfahndung. Männer, die sich Beckhoff offenbaren, sind in ihrer Branche verbrannt. Dass sie sich nicht ohne finanzielle Rückendeckung aus dem Schatten wagen, ist für ihn eine reine Frage der Logik.

So wie es für den Staat eine Frage der einfachen Mathematik ist, solche Datenträger aufzukaufen. Fünf Millionen Euro hat Beckhoff jüngst für einen USB-Stick mit abertausenden von Cum-Ex-Geschäften veranschlagt. Erste Überschlagsrechnungen gehen davon aus, dass die Auswertung des Datenträgers zu 700 Millionen Euro Steuermehreinnahmen führen wird – plus Zins und Zinseszins von sechs Prozent per anno. Das soll Beckhoff in Zeiten der Niedrigzinsen erst einmal jemand nachmachen.

Für den Amtsleiter hat sich ein Sprichwort erfüllt: Steter Tropfen höhlt den Stein. Als Beckhoff sich vor 20 Jahren erstmals für den Kauf eines solchen Datenträgers einsetzte, galt das halb als Revolution, halb als Untergang des Abendlandes. Banken, die ihren Kunden halfen, Schwarzgeld auf Luxemburger Konten zu verstecken, warfen den Beamten, die sie verfolgten, Gesetzesbruch vor.

Solche Sperenzien sind heute selten. Wenn Beckhoff mit einem USB-Stick wedelt, wissen die Banken, was zu tun ist. Sie setzen eine externe Kanzlei ein, die „das Thema“ aufarbeitet, präsentiert der Steuerfahndung das Ergebnis und akzeptiert die Rechnung. Das können dreistellige Millionenbeträge sein, und oft nochmal so viel für die Anwälte, die der Steuerfahndung die Arbeit abgenommen haben. Andererseits: Die Banken haben das Thema vom Tisch und sparen sich die Aussicht, möglicherweise jahrelang in Gerichtssälen zu erklären, warum dieser oder jeder Steuertrick zwar unmoralisch, aber doch nicht illegal gewesen sei.

Die Methode ist äußerst einträglich für den Fiskus. Aber sie klappt auch nur, weil kaum ein Steuervermeider Beckhoff länger als unbedingt nötig im Nacken haben will. Der Mann ist für seine leise Art genauso bekannt wie für seine Abgebrühtheit. Ständig streift er durch ganz Deutschland und fragt allerorts, ob man nicht zusammen etwas reißen kann. Bei anderen Steuerfahndern. Beim Zoll. Bei Sicherheitsbehörden. Beckhoff denkt grenzübergreifend. Bei der Einrichtung der „Ermittlungsgruppe Organisierte Kriminalität und Steuerhinterziehung“ in Düsseldorf war er mit beteiligt.

Beckhoff, könnte man sagen, ist auf der Höhe seines Schaffens angekommen. Vermutlich fällt ihm deshalb der Abschied so schwer. Geboren 1949, hätte der berühmteste Steuerfahnder Deutschlands 2015 in Pension gehen können. Doch er blieb. Steuervermeider, die hoffen, Beckhoff 2016 loszuwerden, würden spätestens zu Silvester enttäuscht, heißt es nun schon aus dem Finanzministerium. Dort ist man mit dieser jüngsten Entscheidung des alten Recken ganz zufrieden.

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