Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

25.10.2012

15:41 Uhr

Daimler, Google & Dow

Wenn Firmen ihre Zahlen zu früh verraten

Der Quartalsbericht von Daimler erschien frühzeitig, weil eine US-Sprecherin versehentlich auf „Senden“ klickte. Es ist nicht die erste derartige Panne in der Quartalssaison. Für die Firmen kann das Malheur teuer werden.

Daimler-Chef Dieter Zetsche: Panne bei den Quartalszahlen. dpa

Daimler-Chef Dieter Zetsche: Panne bei den Quartalszahlen.

New York/StuttgartEs gibt Tage, da sollte man besser im Bett bleiben. So einen Tag hatte am Mittwoch eine Daimler-Sprecherin in den USA. Sie wollte schon mal die E-Mail mit den Geschäftszahlen vorbereiten, die am nächsten Morgen veröffentlicht werden sollten. Doch anstatt die E-Mail als Entwurf zu speichern, drückte sie versehentlich auf den „Senden“-Knopf. Damit nahm das Unglück seinen Lauf.

Zwölf Stunden zu früh landeten die Daimler-Zahlen in den Postfächern amerikanischer Journalisten. „Bitte ignorieren Sie die gerade gesendete E-Mail“, bat die Sprecherin noch in einer direkt im Anschluss gesendeten Nachricht. Doch was draußen ist, ist draußen. Kurze Zeit später liefen die Geschäftsergebnisse über die Ticker der US-Nachrichtenagenturen. Daimler war gezwungen, seine Mitteilung in Deutschland vorzuziehen.

Vorgezogene Quartalszahlen: Daimlers Gewinn knickt ein - und zieht Prognose mit

Vorgezogene Quartalszahlen

Daimlers Gewinn knickt ein

Das Ergebnis ist ernüchternd. Die Ziele für dieses und nächstes Jahr wanken.

Es war das dritte Mal in sieben Tagen, dass ein großer Konzern seine Geheimnisse zu früh verraten hat. Den Anfang machte Google am Donnerstag vergangener Woche mit seinen Geschäftszahlen, die ein beauftragter Dienstleister vier Stunden vor der Zeit herausgab. Am Dienstag verriet der US-Chemiekonzern Dow Chemical vorzeitig, dass er 20 Werke weltweit schließen und dabei 2400 Jobs streichen wolle, davon bis zu 160 in Deutschland. Und schließlich patzte Daimler.

Im Falle des deutschen Autobauers lief die Panne noch glimpflich ab - denn die Börse in Frankfurt war schon geschlossen, als das Malheur passierte. Bei Google indes platzten die Geschäftszahlen mitten in den laufenden Handel. Zuerst reagierten die Investoren verdutzt; im nächsten Augenblick drückten sie auf den Verkaufsknopf. Denn Google hatte im zurückliegenden Quartal schlechter abgeschnitten als erwartet. Die Aktie stürzte um nuen Prozent ab, mehrere Milliarden Dollar an Börsenwert waren futsch.

Die größten Fehler beim Einsatz von Emails

Verlust von Arbeitszeit

Wenn Mitarbeiter E-Mails ohne Anleitung nutzen, verschwenden sie oft Arbeitszeit. Beratungsgesellschaften beziffern den Wert der verlorenen Arbeitszeit auf mehrere Milliarden Euro jährlich.

Gefahr der Selbstausbeutung

Gerade in Zeiten von iPhones und Blackberrys führt die dauernde Erreichbarkeit zum Hang, sich selbst auszubeuten oder ausbeuten zu lassen. Emails haben Suchtpotenzial. Auf lange Sicht leisten die Mitarbeiter so in der regulären Arbeitszeit weniger.

Mentale Ermüdung

Wer sich von Emails treiben lässt, ermüdet schneller, wie Studien belegen. Die ständigen Unterbrechungen durch Emails erhöhen das Bournout-Risiko.

Fehler und Missverständnisse

Jeder dürfte es schon mal erlebt haben, dass der Text einer Email falsch verstanden wird. Missverständnisse passieren einfach sehr viel häufiger als in direkten Gesprächen. Zudem treten auch fachliche Fehler leichter auf.

Prozesse werden umgangen

Hierarchien haben sich ja nicht aus Zufall gebildet. Wer berichtet was an wen – das umgeht die Email-Kommunikation viel häufiger, als es alle Beteiligten wahr haben wollen. Vielleicht geht der „kleine Dienstweg“ per Email manchmal schneller, aber das geht zu Lasten von Zuverlässigkeit und Qualität.

Einzelfälle statt Organisation

Anstatt richtig in Prozessen organisiert zu sein, wird vieles immer wieder als Einzelfall betrachtet. Das ist nicht nur aufwendiger, sondern es passieren auch mehr Fehler.

Soziale Kompetenz nimmt ab

Soziologen und Psychologen sagen, dass jene Menschen, die vor allem elektronisch kommunizieren, die Fähigkeit und das Interesse verlieren, sich mit Menschen direkt auseinanderzusetzen.

Vieles dauert länger

Es gibt viele Themen, in den Emails einfach die uneffektivere Kommunikationsform sind (siehe Seite 2). Die Geschäftsvorfälle dauern länger als notwendig und erfordern mehr Aufwand. So manches Thema, das sich per Email über Wochen hinzieht, ist in einer Zehn-Minuten-Besprechung vom Tisch.

Prioritäten gehen verloren

Das dringende Kleine im Posteingang wird wichtiger als das wirklich wichtige Große. Auch das ist ein Nachteil der Email-Kommunikation. Umso wichtiger ist es, sich da gut zu organisieren.

Emailen ist nicht Arbeiten

Es kommt schnell zu einem Realitätsverlust: Mitarbeiter schicken Dutzende Emails durch die Gegen und glauben, sie hätten wirklich gearbeitet. Doch wie produktiv sind die meisten Emails wirklich? Hat man  für das Unternehmen tatsächlich so viel bewegt, wie man in derselben Zeit hätte können?

Reagieren statt Agieren

Wer über weitere Strecken des Tages auf eingehende Emails reagiert, hat folglich weniger Zeit zum Agieren. Das frustriert den Einzelnen und bringt dem Unternehmen wenig.

Weiterschieben statt Erledigen

Jeder will Emails schnell vom Tisch haben. Also wo immer möglich gilt da die Devise: weiterleiten statt erledigen.

Es hat seinen Grund, weshalb wichtige Firmenmitteilungen außerhalb des regulären Börsenhandels veröffentlicht werden: Die Analysten und Investoren haben dadurch Zeit, das komplexe Zahlenwerk zu lesen und zu verstehen. Kurzschlussreaktionen sollen so verhindert werden. Im Falle von Google hätten die Börsianer sogar eine Nacht über die Geschäftsergebnisse schlafen können - und wären am nächsten Morgen zum Handelsbeginn vielleicht gnädiger gestimmt gewesen.

Allerdings passieren derartige Pannen äußerst selten angesichts der Fülle an Mitteilungen, die die Unternehmen täglich verschicken. Vor zwei Jahren verriet der weltgrößte Unterhaltungskonzern Disney seine Ergebnisse zu früh. „Börsianer mögen keine Überraschungen“, war damals der Kommentar eines Marktteilnehmers. Auch hier verlor die Aktie an Wert.

Richtig gefährlich wird es allerdings, wenn eine Falschmeldung verbreitet wird - was allerdings noch seltener passiert: Im vergangenen Jahr schockte die Ratingagentur Standard & Poor's die Märkte mit der Nachricht, Frankreich seine Top-Bonität abzuerkennen. Und das mitten in der Schuldenkrise. Ein „technischer Fehler“, wie es Stunden später hieß. Eine Automatik habe verrückt gespielt. Nur zwei Monate darauf wurde die Abstufung dann aber bittere Realität.

Im Fall Daimler war es menschliches Versagen. Den Fehler beging ausgerechnet eine Mitarbeiterin, die von Kollegen als sehr gewissenhaft beschrieben wird. Das scheint auch die Chefetage in Stuttgart anzuerkennen. „Ihr wird niemand den Kopf abreißen“, hieß es aus Unternehmenskreisen. Oder wie der Amerikaner sagt: „Shit happens.“ Dumm gelaufen.

Von

dpa

Kommentare (6)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

kkk

25.10.2012, 16:04 Uhr

Fahren wir die Firma mit Momentum (Lieblingswort Dr. Z) an die Wand?

Account gelöscht!

25.10.2012, 16:20 Uhr

Die nächste Niete in Nadelstreifen an der Spitze von Daimler! Reuter/Schrempp und jetzt Zetsche

Schlaumeier

25.10.2012, 16:58 Uhr

Die Zahlen dürfen nicht zu früh veröffentlicht werden, damit die Insider noch kaufen/verkaufen können. Durch das o.a. Versehen kann auch das dumme Aktienvolk sofort handeln. Das ist nicht gewünscht. Hoffentlich geht das mit der frühen Veröffentlichung so weiter. Ebenso mit den Länder Ratingnoten. Bei überraschenden Ergenissen jeglicher Art muss es "richtig krachen im Karton". Warum sollen z.B. zum Teil drastisch überbewertete Aktien (wir gehen schließlich in die Rezession/Depression - ohne Neuschulden weltweit ganz gewiss) nicht mal um 50% am Tag fallen. Aktien sind Risikopapiere und nicht für die Altersvorsorge geeignet. Das kapieren die Aktienfuzzis am Besten wenn sie kurzfristig ordentlich verlieren. Also los - down, down..

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×