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27.01.2010

10:13 Uhr

Davos

Wo Schrödingers Katze rockt

VonDieter Fockenbrock

Vor drei Jahren machte sich Jürgen Kluge auf dem Davoser Weltwirtschaftsforum noch als Organisator der beliebten McKinsey-Party einen Namen. Jetzt ist er als Konzernchef da - und will den Fokus auf die wirklich wesentlichen Probleme der Weltwirtschaft legen.

Jürgen Kluge dpa

Jürgen Kluge

Das Wesen des World Economic Forum liegt irgendwo zwischen Bono und Schrödingers Katze. Auf dem Managertreffen in den Schweizer Alpen kommen sich britische Popmusiker wie Bono und die theoretische Physik in Gestalt eines Katzenexperimentes so nah wie sonst nirgends auf der Welt. Dieser Spannungsbogen reizt Jürgen Kluge. Deshalb fährt er wieder nach Davos.

Der Zusammenhang muss erklärt werden. Vor allem denen, die glauben, in Davos treffe sich eine verschworene Gemeinschaft, eine geheime Weltregierung. Und inmitten dieses exklusiven Clubs Jürgen Kluge, ehemaliger McKinsey-Deutschlandchef und seit wenigen Wochen Vorstandsvorsitzender des Duisburger Familienkonzerns Haniel. Über solch absurde Vorstellungen vom Davoser Wirtschaftsforum kann Kluge nur den Kopf schütteln.

Aber der Reihe nach. Zunächst Bono. Der Sänger der britischen Popband U2 zählt zu den Kulturschaffenden, die im Laufe der Jahre als gutes Gewissen zwischen geschäftigen Wirtschaftsbossen und gewichtigen Politikern in Davos auftauchen. Für Kluge allerdings ist Bono mehr, ein Indikator. Und zwar für den Stil des Forums. Denn mit Bono verbindet er ein ungewöhnliches Erlebnis: Mitten in einem Business-Meeting orderte der britische Sänger kurzerhand eine Portion Pommes – und stopfte die in sich hinein.

Für einen Musiker mag das normal sein, nicht aber für einen nadelgestreiften McKinsey-Mann. Es sei denn, das Ereignis findet in einem Sternehotel in Davos während des Wirtschaftsforums statt. Selbst Kluge, der nun wirklich nicht den „steifen Strategieberater“ verkörpert, hat das irritiert. Auf eine angenehme Art allerdings.

Schwieriger zu erklären ist schon seine Metapher: Bei Schrödingers Katze geht es um ein Gedankenexperiment aus der Quantenmechanik, ein Lieblingsthema des Physikers Kluge. Dabei werden eine Katze und ein instabiler Atomkern in einen Kasten gesperrt. Die Katze stirbt, sobald gemessen werden kann, dass der Kern zerfallen ist. Dazwischen befindet sich der Kern im Zustand der sogenannten Überlagerung, also zwischen nicht zerfallen und zerfallen. Die Katze, so die These, müsste sich also auch im Zustand der Überlagerung befinden – zwischen lebendig und tot. Die beinahe philosophische Frage, ob das wirklich sein kann, ist durchaus erlaubt. So ein wenig wie Schrödingers Katze, sagt Kluge, fühle er sich in Davos. Besonders in diesem Jahr.

Nun endet der Gipfel-Reisende in den Schweizer Alpen bekanntlich nicht wie das Experimentaltier. Aber der Prozess ist für den Naturwissenschaftler Kluge derselbe: Am Ende steht Erkenntnis. Erkenntnis beispielsweise darüber, wie es mit der Weltwirtschaft weitergehen könnte. Dieser Frage wird sich Kluge mit seinen Gesprächspartnern in den nächsten Tagen besonders intensiv stellen. Einige Wirtschaftsindikatoren, die Börsen sowieso, signalisieren das Ende der Talfahrt, teilweise sogar den Wiederaufstieg. Kann man dem trauen? „Auf dem letzten Weltwirtschaftsforum hatten sich alle verabredet, auf Sicht zu fahren“, sagt Kluge. „Jetzt würden alle gern wissen, wohin die Reise geht.“

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