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29.01.2011

10:00 Uhr

Davos

Zauberberg der Langsamkeit

VonTorsten Riecke

Einmal im Jahr verwandelt sich Davos in ein großes Kongresszentrum. Dann passt sich das Idyll dem hohen Tempo der Macher und Manager an. Wer die Ruhe und Gelassenheit der Schweizer Bergwelt wiederentdecken will, muss hinauf auf die Schatzalp fahren.

Die Schatzalp: Ort der Muße. Reuters

Die Schatzalp: Ort der Muße.

DAVOS. Unruhig schaut Michael Mack auf die Uhr. Der Chef des Düngemittelkonzerns Syngenta möchte das Gespräch beenden und zurück ins Kongresszentrum. Die nächste Veranstaltung des World Economic Forum(WEF) wartet bereits. Auch bei Paul Achleitner geht es Schlag auf Schlag. Der Allianz-Vorstand empfängt die ersten Gäste zum Frühstück um acht Uhr. Nach 45 Minuten sind die Kaffeetassen noch halbvoll, doch Achleitner erhebt sich. Die nächsten Besucher stehen schon vor der Tür im vornehmen Hotel Belvédère. Straff durchorganisiert hat auch Brian Moynihan seine Agenda in Davos. Damit der Chef der Bank of America die 30 Minuten mit seinen europäischen Gästen optimal nutzt, redet er etwas schneller. Drei Beispiele vom WEF 2010. In diesem Jahr wird es nicht weniger hektisch zugehen.

Als WEF-Gründer Klaus Schwab vor 41 Jahren die Idee hatte, die globale Elite nach Davos einzuladen, schwebte ihm ein Brainstorming in intimer Atmosphäre vor. Ein Rückzug in die Schweizer Berge, um seine Gedanken und dadurch neue geistige Kraft zu sammeln. Ganz so wie Hans Castorp, der Held in Thomas Manns Jahrhundertroman "Der Zauberberg". Castorp kam ursprünglich nur für drei Wochen nach Davos, um seinen lungenkranken Vetter zu besuchen. Über seine Gespräche über Politik, Philosophie und die Wirrungen des Lebens vergaß er die Zeit und blieb sieben Jahre.

Dass heute jemand der rund 2500 WEF-Teilnehmer die Zeit vergisst, ist die große Ausnahme. Davos ist längst zu einem weiteren Geschäftstermin im Kalender der Lenker von Wirtschaft und Politik geworden. "Viele Manager verhalten sich hier genauso wie im Büro", sagt Hans Peter Michel, der als Davoser Landammann quasi der Gastgeber des Elitegipfels ist.

Urbane Geschäftigkeit passt eigentlich nicht so recht zum Image des einst abgeschiedenen Bergortes. Erst die kleine rote Rhätische Bahn, die sich in gut anderthalb Stunden mit einer Spurweite von einem Meter von Landquart durch die Berge hinauf zur höchstgelegenen Stadt Europas schlängelt, hat Davos auf 1 560 Meter Höhe zu einer Bergmetropole gemacht. Seitdem versuchen die Tourismusmanager einen Spagat zwischen Kongressstadt und Bergidyll.

Michel muss allerdings eingestehen, dass Davos sich in der wichtigsten Woche des Jahres dem hohen Tempo der Macher und Manager angepasst hat. Während dieser Zeit verwandelt sich der Ort in ein einziges Tagungszentrum. Das eigentliche Kongresszentrum ist mit seinem markanten Eingangsportal als Mittelpunkt der Großveranstaltung gerade für 38 Millionen Franken mit kräftiger Unterstützung des WEF vergrößert worden.

Viele Hotels räumen die letzte Besenkammer für die Weltenbummler frei und machen in diesen Tagen mehr als 20 Prozent ihres Jahresumsatzes. Allerdings hat das Missverhältnis zwischen hohen Preisen und magerer Leistung in einigen Häusern dazu geführt, dass die prominenten Gäste zu murren begannen. Das WEF verlangte Nachbesserungen. Und so entsteht jetzt direkt gegenüber dem Kongresszentrum das Luxushotel "Hilton Garden". Dazu gesellt sich ein Stück weiter entfernt eine ovale Nobelherberge im Stilli-Park. Insgesamt sollen in den nächsten Jahren rund 1 300 Betten dazukommen. Genug, um das WEF bis mindestens 2018 bei der Stange zu halten - so lange läuft der Vertrag.

Ruhe findet man in diesen Tagen nur auf dem "Slow Mountain". Das ist jener Strelaberg, auf dem in 1 861 Meter Höhe das berühmte Hotel Schatzalp liegt. Wer hier hinauf will, muss mit der vor über 100 Jahren gebauten Schatzalp-Bahn fahren. Zwar ist auch die Schatzalp Teil des WEF-Zirkus und verdient gut daran. Dennoch versucht Hotelier Pius App den Fuß auf der Bremse zu halten. Zusammen mit einem Partner richtet er das 111 Jahre alte ehemalige Sanatorium für Lungenkranke detailgetreu zu einer Herberge der Ruhe her. Der gelernte Informatiker ist aus seinem erfolgreichen Software-Geschäft weitgehend ausgestiegen und verwirklicht hier oben seinen Lebenstraum. Wie im Erfolgsroman von Sten Nadolny geht es App um die Wiederentdeckung der Langsamkeit.

Ich wollte etwas für Menschen bieten, die ganz bewusst das Tempo unserer Zeit nicht mitgehen wollen", sagt der bald 65-jährige Hotelier und denkt dabei an Familien mit Kindern und ältere Menschen. Passend dazu hat er im vergangenen Jahr "das erste entschleunigte Skigebiet der Alpen" eröffnet. Im Grunde ist es eine Wiederbelebung: Die alten Skilifte wurden wieder in Betrieb genommen und führen hinauf zum "Zauberberg der Langsamkeit". Die Pisten sind breit und nicht besonders steil. Ideal für alle, die das Tempogebolze auf den meisten Abfahrten nebenan nicht mitmachen wollen. Künstlich beschneit wird die Piste nicht. Wenn das Wetter nicht mitspielt, bleibt viel Zeit zum Lesen, für Gespräche, oder auch nur um gedankenversunken die atemberaubende Aussicht auf die Davoser Bergwelt zu genießen. Fernseher in den Zimmern gibt es nicht.

Auf der großen Sonnenterrasse fühlt man sich zurückversetzt in die Zeit Thomas Manns, der 1912 mit seiner Frau Katia in Davos verweilte. Mitgenommen hat der Literat die damals morbide Atmosphäre des "Zauberbergs". Und wer auf den Spuren seines Helden Hans Castorp zu den Schauplätzen wandern will, kann das entlang des Thomas-Mann-Wegs tun.

App sieht das WEF nicht als Störenfried für den Hort der Ruhe, den er hier oben bewahren will. "Ich freue mich auf das Forum, weil ich immer wieder interessante Menschen aus aller Welt treffe", sagt er. Frühmorgens um sechs Uhr verteilt er dann eigenhändig die wichtigsten Zeitungen vor den Zimmertüren seiner prominenten Gäste. Viele halten den Eigentümer dann für einen in die Jahre gekommenen Zeitungsjungen. App schmunzelt darüber. Am meisten aber freut er sich, wenn sich die Gäste von seinem Zauberberg verführen lassen und über gute Gespräche fast das Treiben auf der Kongressmeile unten im Ort vergessen. "Vor ein paar Jahren hatten wir ein paar skandinavische Industrielle hier", erzählt er, "die blieben jeden Abend hier oben und unterhielten sich stundenlang, statt zu den großen Nachtpartys zu gehen."

Für alle, die auf dem Zauberberg die Langsamkeit wiederentdecken und in Ruhe ihre Gedanken und neue Kraft sammeln wollen, hat Hotelier App einen nicht ganz uneigennützigen Tipp: "Wer den ursprünglichen Geist von Davos spüren will, muss entweder früher kommen oder länger bleiben." Torsten Riecke

Kommentare (1)

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steuerzahler xy

29.01.2011, 13:52 Uhr

Der EURO war schon in dem Moment tot, als die EU-Verträge ohne Ausschlussklausel für wirtschaftsschwache Staaten verabschiedet wurden. Schlechtere Verträge konnten unsere “verbeamteten“ Politiker gar nicht aushandeln. Die vertreten doch nur Eigeninteressen. Wir werden nicht von einer "Elite" sondern von einer politischen "Laienspielgruppe" regiert.

Dass jetzt auch noch gutes Geld dieser "schlechten" Firma Griechenland hinterhergeworfen wird, ist der zweite historische Fehler dieser "Laienspielgruppe" und EU-Romantiker. in der Freien Wirtschaft nennt man sowas "insolvenzverschleppung", da eine Rettung der "Firma" Griechenland mit diesen Mitteln gar nicht möglich ist. beihilfe zur insolvenzverschleppung ist strafbar. Aus gutem Grund, denn der Dominoeffekt (Portugal, island….und viele weitere EU- Länder) wird folgen.

Würden wir das leistungsfeindliche beamtentum endlich abschaffen, hätten wir Mittel für:
-- Autobahnneubau in den alten bundesländern (überfällig seit 20 Jahren)
-- Privat- und Staats- Schulneubauten
-- Privat- und Staats- Forschungsinvestitionen
-- Rentenkasse (jeder bekommt nur das, was er selbst eingezahlt hat)
-- Steuervereinfachung (nur eine Steuerart: die “Universalsteuer“ bzw. Mehrwertsteuer)
-- Reduzierung der Finanzämter auf 20% des heutigen Personals
-- Steuersenkungen (20% Universalsteuer für alle, unabhängig vom Einkommen)
-- Staatsausgaben nur im Rahmen der echten Steuereinnahmen
-- Schuldenabbau pro Jahr um 1% (zuerst Verringerung der Neuverschuldung, dann Abbau der Altverschuldung um jeweils 1%)
-- Abschaffung dieses pervertierten Versorgungsstaates, der Faulheit fördert und die Leistungsträger frustriert

Packen wir es endlich an:
-- Verwaltungsvereinfachung in D (4 bundesländer genügen: Nord/Süd/West/Ost)
-- Verschlankung und/oder Abschaffung der Parallelverwaltungen in EU / bundesländern / Kreisen / Regionen / Gemeinden…300 bundestagsabgeordnete sind mehr als genug
-- Damit's schneller geht: Desattraktivierung dieser überflüssigen beamtenjobs durch Halbierung der beamtenbesoldung
-- Eingliederung all dieser beamten ( = Edel-Hartz-4-Empfänger) in den Produktionsprozess
-- Rückkehr zu den Grundwerten einer gesunden Wirtschaft: Leistungsprinzip und gerechte Entlohnung, keine Verwaltungswasserköpfe.....
-- Senkung der Staatsquote von zur Zeit 52% auf 30%

Weg mit dem EURO, hermit der D-Mark, Tschüss Transfer-EU und beamtendiktatur !

Die arabischen Länder Tunesien und Ägypten machen uns momentan vor, wie das geht.....aber wir selbst hatten da auch schon gute Ansätze, wenn wir an das Ende der DDR-Diktatur denken. Auch die beamtendiktatur könnte durch eine friedliche Revolution gekippt werden….

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