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12.12.2016

11:13 Uhr

Deloitte, EY, KPMG und PWC

Wirtschaftsprüfer wollen nicht zur Flüchtlingsbehörde

VonSonja Álvarez

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wollte sich bei Deloitte, EY, KPMG und PWC Top-Wirtschaftsprüfer leihen. Am Ende steht ein Riesenflop. Von den „Big Four“ der Beratungen ist nur ein Mitarbeiter gewechselt.

Top-Wirtschaftsprüfer scheuen den Wechsel ins Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. dpa

Flüchtlingsbehörde

Top-Wirtschaftsprüfer scheuen den Wechsel ins Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

BerlinDer Arbeitsberg ist weiterhin groß. Rund 490.000 Asylanträge warten beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) derzeit auf Bearbeitung, über mehr als 530.000 Anträge ist Stand November in diesem Jahr bereits entschieden worden – allerdings nicht mithilfe von zahlreichen Mitarbeitern der vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, wie es ursprünglich geplant war. Die im Frühjahr groß angekündigte Unterstützung des Bamf durch Deloitte, EY, KPMG und PWC ist gefloppt. Offenbar wechselte von den sogenannten „Big Four“ lediglich ein einziger Mitarbeiter in die Behörde. Insgesamt.

Dabei war die Idee auf große Zustimmung gestoßen. „Es ist für uns ganz selbstverständlich, dass wir das Bamf in diesem Prozess unterstützen“, sagte ein Bereichsvorstand von KPMG im April dem Handelsblatt. Auch die anderen Firmen waren dazu gern bereit mit Blick auf ihre „Corporate Responsibility“, wie die unternehmerische Verantwortung im Managersprech genannt wird.

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Weil in den eigenen Reihen und auf dem Arbeitsmarkt offensichtlich nicht ausreichend Kräfte zu finden waren, kam Behördenchef Frank-Jürgen Weise auf die Idee, die Unternehmen um Hilfe zu bitten. Wer Zahlen und Bilanzen prüfen kann, der kann auch Menschen prüfen. Gesucht wurden Mitarbeiter, die das Prozessmanagement beherrschen, über Verwaltungskenntnisse verfügen und interkulturelle Erfahrung mitbringen. Für bis zu sechs Monate sollten die Wirtschaftsprüfer angestellt werden, in der Entgeltgruppe 12, was einem Jahresgehalt zwischen 56.000 bis 67.000 Euro entspricht, keine schlechte Bezahlung für einen Leiharbeiter.

Im Mai sollte es losgehen, doch heute, knapp sechs Monate später, ist aus dem vollmundigen Angebot ein kleinlautes Schweigen geworden. Kein Vorstand und kein Sprecher der „Big Four“ will sich offiziell dazu äußern, warum die Unterstützung gescheitert ist. Deloitte teilt lediglich mit, „aktiv das freiwillige, gesellschaftliche Engagement unserer Mitarbeiter“ zu fördern, „das Bamf tatkräftig zu unterstützen, indem wir die Details an unsere Mitarbeiter kommunizieren und sie motivieren, sich für diese Initiative zu engagieren.“

Wie viele sich dann aber tatsächlich motivieren ließen, sagt die Sprecherin nicht. Zwei andere Unternehmen lassen wissen, dass gar kein Mitarbeiter ins Bamf gegangen ist, vom vierten heißt es, dass ein Mitarbeiter temporär in die Behörde gewechselt sei – offenbar der Einzige der vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften.

Positionen der Länder in der Flüchtlingskrise

Österreich

Die Zeit der Willkommenskultur ist vorbei. Verschärfungen der Asylgesetze sind geplant. Eine Verordnung zur Zurückweisung von Asylbewerbern direkt an der Grenze könnte kommen, sollte eine Obergrenze von 37.500 Flüchtlingen in diesem Jahr überschritten werden. Bis Ende August waren über 26.400 Menschen zum Asylverfahren zugelassen.

Deutschland

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat nach den Wochen der Öffnung vor einem Jahr längst einen Kurswechsel vollzogen. Verschärfte Asylgesetze, leichtere Abschiebungen, vor allem aber das Abkommen der EU mit der Türkei sollen den Flüchtlingszuzug bremsen. Nur das Wort „Obergrenze“, das die CSU von ihr fordert, wird sie nicht formulieren. Auf europäischer Ebene weiß Merkel, dass die feste Quote zur Verteilung von Flüchtlingen gescheitert ist. Schwerpunkt ist jetzt die Sicherung der Außengrenzen.

Griechenland

Seit Inkrafttreten des Flüchtlingspakts der EU mit der Türkei kommen nur noch wenige Flüchtlinge illegal von der Türkei nach Griechenland. Doch die Angst, dass der Pakt nicht standhält und der Zustrom wieder anschwillt, ist groß. Außerdem kritisiert die linke Regierung in Athen, dass die anderen EU-Länder trotz der vereinbarten Umsiedlung von rund 30 000 Flüchtlingen bisher nur wenige Tausend Menschen übernommen haben.

Ungarn

Der rechts-konservative Ministerpräsident Viktor Orban praktiziert schon seit dem Herbst 2015 eine Politik der Abschottung. An Ungarns Grenzen zu Serbien und Kroatien stehen stacheldrahtbewehrte Zäune. Budapest lehnt auch EU-Quoten zur faireren Verteilung von Asylbewerbern ab. Am 2. Oktober will Orban diese Ablehnungshaltung durch eine Volksabstimmung bestätigen lassen.

Rumänien

Das Land vertritt eine ähnliche Position wie Ungarn, nur in gemäßigterem Ton. Eine Verteilung der Flüchtlinge per Quote lehnt es ab, obwohl es bisher kaum betroffen war.

Slowenien

Die Regierung hat wiederholt vor einem neuen Ansturm gewarnt und will auf keinen Fall erneut Migranten nach Österreich durchschleusen. Das Land hat bereits einen Zaun zu Kroatien.

Serbien

Kritischer wird die Lage in Serbien, wo geschätzte 5000 Migranten festsitzen. Trotz gemeinsamer Militär- und Polizeipatrouillen kommen immer neue Flüchtlinge.

Mazedonien

In Mazedonien spielt nach fast zweijähriger tiefer politischer Krise und den bevorstehenden vorzeitigen Parlamentswahlen im Dezember das Flüchtlingsthema keine große Rolle. Der Grenzzaun zu Griechenland hält größere Menschenmengen ab.

Kroatien

Bisher hat sich Kroatien ausschließlich als Transitland verstanden, deshalb steht die Problematik nicht auf der Tagesordnung.

Albanien

Sehr wenig von der Krise betroffen ist auch Albanien. Deshalb ist die Situation der Flüchtlinge kaum ein Thema.

Bulgarien

Die Aufnahmezentren sind laut Regierungsangaben voll. Bulgarien versteht sich als Transitland und will es auch bleiben. Seit Jahresbeginn wurden gut 13.000 Flüchtlinge registriert, über die Hälfte ist weiter gezogen.

Zwar schweigt auch das Bamf zur konkreten Zahl. „Aus datenschutzrechtlichen Gründen“ könne nicht genannt werden, wie viele Mitarbeiter von den „Big Four“ ausgeliehen worden seien. Insgesamt aber hätten sich 80 Mitarbeiter von Wirtschaftsprüfungsgesellschaften beworben.

„Davon sind letztlich rund ein Viertel eingestellt worden“, teilt eine Bamf-Sprecherin mit. Die aber kommen offenbar fast alle ausschließlich von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO, die nicht zu den „Big Four“ gehört. „Insgesamt 19 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind temporär für das Bamf tätig, die erste Kollegin seit Ende Juni 2016“, erklärt ein Sprecher von BDO. Bleibt noch der eine genannte Mitarbeiter des einen „Big Four“-Unternehmens übrig.

Warum aber hat sich die groß angekündigte Unterstützung zum Flop entwickelt?

Kommentare (5)

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Herr Michael Müller

12.12.2016, 11:37 Uhr

War doch klar!

Warum zwangsverpflichten wir nicht die vielen "dienstunfähigen" Beamten? Da gibt es doch sehr viele, welche diese Aufgabe sehr gut erfüllen könnten! Selbstverständlich würden diese gegen eine "Zwangsverpflichtung" klagen und mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar Recht bekommen. Quo vadis Alemania?

Herr Achim Rogalski

12.12.2016, 11:40 Uhr

Da beantragen Leute aus Afghanistan, Pakistan, Mali und anderen Staaten einen Asylantrag, den man nicht bearbeiten kann, weil keiner die Sprache der Migranten spricht. Da helfen auch 100.000 zusätzliche Mitarbeiter nichts.
Außerdem ist das im Bundesamt für Migration wie bei Grimms Märchenstunde. Die Migranten erzählen die Geschichte, mit der sie glauben, die größten Chancen auf ein Bleiberecht zu erhalten. Und wenn sie gar nichts erzählen und nur mit den Schultern zucken, kann der Mitarbeiter vom BamF sie nur durchwinken.

Herr Tom Schmidt

12.12.2016, 11:55 Uhr

Naja... das ist jetzt nicht wirklich ein attraktives Gehalt für einen Wirtschaftsprüfer. Wobei, warum ausgerechnet diese Personen dafür qualifiziert sein sollen?

Eine Frage: wären diese Personen eigentlich für ihre Entscheidungen haftbar?

Gerade durch den politischen Einfluss wäre dass dann ja ein Wahnsinnsjob, man wäre mit einem Bein automatisch im Gefängnis. Wenn man das Thema angeht wie unsere Kanzlerin zeigt man ein freundliches Gesicht, aber bei genauer Betrachtung, müßte man die Leute sofort abschieben. Hauptgrund Nr. 1 Einreise durch ein sicheres Drittland. Dann haben Flüchtlinge und Brügerkriegsflüchtlinge keinen Anspruch auf Asyl nach dem Asylrecht (und komischerweise auch nicht nach der Flüchtlingskonvention). Bleibt der subsidiäre Schutz (aber wegen dem Drittland wäre der gar nicht anzuwenden).

Daneben gibt es dann immer noch andere Dienstvorschriften, die z.B. für Syrer erlassen wurden, über die in der Öffentlichkeit aber nie berichtet wird und die ganz offensichtlich konträr zum geltenden Recht sind...

Wer will sich schon schlecht(er) bezahlt auf so dünnen Eis begeben?

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