Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

17.02.2004

07:00 Uhr

Der Kapitän verlässt das Schiff, nachdem er es auf Kurs gebracht hat

Abgang eines Börsenlieblings

VonOliver Stock

Am Donnerstag präsentiert Jürgen Dormann zum letzten Mal die ABB-Zahlen. Potenzielle Nachfolger laufen sich warm.

Jürgen Dormann Foto: dpa

Jürgen Dormann Foto: dpa

ZÜRICH. Morgen Abend wird er vielleicht wieder bis in die Nacht im Glasbau sitzen. In jenem transparentem Büro, das er schon um der lieben Symbolik willen gegen die verschlossene ABB-Trutzburg aus roten Backsteinen eingetauscht hat. Die immer noch sportliche Figur gebeugt, schweigsam und konzentriert wird Jürgen Dormann dann jene Zahlen wiederholen, die er anderntags der Meute aus Analysten und Journalisten, vor allem aber den mehr als 100 000 Mitarbeitern erklären muss. ABB, so lautet die Botschaft, die er trotz mäßiger Ergebnisse rüberbringen will, ist über den Berg.

Doch seine Zuhörer werden sich nicht nur fürs Zahlenwerk interessieren. Dass der Schweizer Investitionsgüterhersteller wieder eine Zukunft hat – das nehmen sie dem hageren Deutschen inzwischen ab. Aber wer wird sie gestalten? Der 64-Jährige hat angekündigt, den Chefsessel noch dieses Jahr zu räumen. Seither ist der Wettlauf eröffnet. Finanzchef Peter Voser wird gehandelt. Auch die Spartenchefs Peter Smits und Dinesh Paliwal werden genannt. Andere winken jedoch ab und sagen: alles Quatsch. Einer von außerhalb wird es werden.

Vor anderthalb Jahren, als Dormann den Posten übernahm, fragten sich Kollegen, warum ein Pharmaboss wie er, der gerade mit Hoechst und Rhône-Poulenc eine Fusion erfolgreich über die Bühne gebracht hat, noch den Feuerwehrmann spielen muss. ABB hatte zuvor innerhalb von sechs Jahren drei Chefs erlebt, die den Sturz des Konzerns zu bremsen versuchten, ihn aber letztlich nur beschleunigten.

Der Konzern, der 2002 bei einem Umsatz von 18,2 Milliarden Dollar einen Verlust von 787 Millionen Dollar einfuhr, hatte sich in der unübersichtlichen Zahl seiner Tätigkeiten verheddert. Dazu kamen ein unkalkulierbares Risiko wegen schwebender Asbestklagen und ein Skandal um Millionenpensionen. Warum klemmte sich Dormann, der bislang ABB nur aus Sicht eines Verwaltungsratschefs erlebt hatte, hinters Steuer dieses sinkenden Dampfers? Sehnte er, den Kritiker in seiner Hoechst-Phase als „Rambo der deutschen Industrie“ beschimpft hatten, sich so sehr nach der Rolle des Helden, der entweder rettet oder glanzvoll untergeht? Es sei ein „Gefühl der Verantwortung“ gewesen, sagt er selbst. Und beinahe entschuldigt er sich: „Ich bin so erzogen oder so strukturiert, dass ich mich in einer solchen Situation gefordert fühle.“ Die, die ihn kennen, nehmen ihm das ab. Der gebürtige Heidelberger habe einen „preußischen Charakter“, sagen sie.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×