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17.05.2015

11:31 Uhr

Der moderne Mann

Apple Watch – das Tamagotchi für Midlife-Crisler

Die Uhr ist in den vergangenen Jahren zum einzig möglichen Männer-Accessoire geworden. Für Herrn K. sollte sie schön, auffällig unauffällig, teuer auf den zweiten Blick sein. Doch muss es unbedingt eine Apple Watch sein?

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an:  herr.k@handelsblatt.com

Herr K. – der moderne Mann

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

Natürlich ist Berger aus dem Marketing wieder der Erste. Er hatte einst auch das erste iPhone in der ganzen Firma und dann das erste von diesen Fitness-Armbändern. Gut, er war auch der Erste aus der Betriebs-Tennisgruppe, der sich scheiden ließ – aber das ist eine andere Geschichte. Nun sitzt er mit seiner nigelnagelneuen Apple Watch in Mattschwarz, Herrn K. und dem schrecklichen Koslowski in der Kantine, als so eine Art U-Boot-Echolot leise und nachhallend von seinem Handgelenk über den Resopaltisch pingt. „Na, hat Ihr Armband-Tamagotchi ein Hüngerchen?“, versucht es Koslowski auf witzig.

„Haha“, antwortet Berger gereizt. „Dauernd pingt und summt irgendwas.“ Er wirkt allerdings so glücklich genervt wie ein junger Vater, der einem vorjammert, wie schlaflos er seit Wochen ist. Herr K. ist viel zu höflich, da jetzt reinzugrätschen, was dann Koslowski gern übernimmt: „Das is‘ ja mal ’n Schnäppchen! 600 Tacken für ’ne Uhr, die man jeden Abend aufladen muss und die einem dauernd sagt, wie der eigene Blutdruck sich Richtung Vorhofflimmern entwickelt.“

Koslowskis Fachwissen über die Uhr ist lediglich peripher angelesen, zeigt aber Wirkung: „Das kann man ja alles ausschalten“, sagt Berger, worauf Koslowski grinst: „Dann hat sich’s ja erst recht gelohnt, wenn man den Firlefanz erst teuer bezahlt, um ihn dann auszuschalten. Berger, Berger, Sie sind mir einer.“

Herr K. grübelt sich derweil in ein eher unerfreuliches Kapitel der männlichen Entwicklungsgeschichte: Schmuck. Vielleicht gingen in der Steinzeit noch Tätowierungen durch oder ein bisschen Radicchio im struppigen Haar. Aber im Jahr 2015 ist für den klassischen Herrn eigentlich gar kein Schmuck mehr möglich.

Ohrringe oder Kettchen sind was für Vorstadt-Friseure und Türsteher. Einstecktücher zum Anzug wirken weiterhin ölig, Krawatten mittlerweile altbacken. Bei Manschettenknöpfen kann sich dann den Rest des Rufes ruinieren, wer zum Beispiel Playboy-Hasen in Sterlingsilber für irgendwie elegant hält.

Die Uhr an sich hat sich in den vergangenen Jahren zum einzig möglichen Männer-Accessoire gemausert, obwohl man die Zeit ja nun wirklich anderweitig abrufen kann. Aber darum geht’s bei einer Uhr ja nicht. Sie soll schön sein, auffällig unauffällig, teuer auf den zweiten Blick. „Und vor allem darf es keine Apple Watch sein“, hört er Koslowski gerade höhnen.

„Apple Watch, Berger, das ist schon jetzt die Tennissocke für den urbanen Midlife-Crisler. Der verzweifelte Schrei: will auch hipp sein!“ Der Attackierte ist jetzt ehrlich genervt: „Sie haben null Ahnung, Koslowski.“

Herr K. sitzt irritiert dazwischen und weiß nicht, auf wessen Seite er sich schlagen soll, als Frau Dr. Schwielow an ihren Tisch kommt, Bergers Uhr sieht und beiläufig sagt: „Gibt’s die eigentlich auch in schön?“ In diesem Moment pingt die Uhr wieder. Und Herrn K. wird plötzlich klar, dass Apple vor einem ganz, ganz großen Problem steht.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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