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14.06.2015

13:23 Uhr

Der moderne Mann

Boatpeople unter Besserverdienern

VonHerr K.

Die Asylbewerberzahlen steigen und mehr Containerdörfer werden errichtet – auch im gutbürgerlichen Stadtviertel von Herrn K. Ein Info-Abend soll die neuen Nachbarn näherbringen. Doch wie kann ein Zusammenleben gelingen?

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an:  herr.k@handelsblatt.com

Herr K. – der moderne Mann

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

Die globale Flüchtlingsproblematik erreicht das gutbürgerliche Stadtviertel von Herrn K., wo der größte Ausnahmezustand bis dahin einer vorab nicht angemeldeten Demo betrunkener Abiturienten des humanistischen Gymnasiums geschuldet war. Nicht dass Herr K. die Tragik afrikanischer Boatpeople mit der Wohlstandsverwahrlosung deutscher Schüler vergleichen möchte. Er ist nur zunächst leicht überfordert von der Ankündigung der Stadtverwaltung, in wenigen Monaten auf einer Hundewiese bei ihm um die Ecke ein Containerdorf errichten zu wollen.

„Da sind nur die Sozis dran schuld“, sagt Herrn K.s Arbeitskollege Koslowski, der im selben Viertel wohnt. „Jahrzehntelang haben sie uns nicht kleingekriegt. Jetzt versuchen sie’s so.“ Für Koslowski sind immer „die Sozis“ schuld oder „der Kommunismus“ an sich. Er erwägt, ein Gutachten in Auftrag zu geben, das die baurechtlichen Grundlagen der Containersiedlung überprüft, fürchtet aber vor allem einen Verfall der Immobilienpreise „und dass diese Hottentotten unsere Häuser leerräumen. Ich hab’ nicht mal ’ne Alarmanlage.“ So ist Koslowski.

Zwar kannte auch Herr K. Asylbewerber-Wohnheime bis dahin eher von den Industriebrachen in Stadtteilen mit spirituosentechnisch wohlsortierten Discountern. Aber er ahnt, dass so ein Wohnprojekt nun nicht die Rache des Kommunismus ist, sondern schiere Notwendigkeit.

Eine Woche später veranstaltet die Stadtverwaltung einen Info-Abend, der ihnen die neuen Nachbarn näherbringen soll. „Und wo führen wir dann unsere Hunde aus?“, fragt Frau Dr. Schwielow, die zugleich Angst hat, gleich als Ausländerfeindin abgestempelt zu werden. „Sie können Ihren Fiffi ja mal drei Straßen weiterbringen“, antwortet der Mann von der Stadt, worauf Koslowski Herrn K. anknufft: „Alles Kommunisten.“

Dann steht eine alte Unternehmerwitwe auf und erzählt – leider weitschweifig –, wie sie einst aus Oberschlesien fliehen musste, „mi’m Bollerwagen“, und dass wir doch alle Ausländer seien, fast überall. Es wird jetzt beinahe romantisch, und bald sind alle hier versammelten Besser- bis Bestverdiener überzeugt: Wir müssen mal was zurückgeben. „Nur was? Wir haben ja noch nie was bekommen von denen“, murrt Koslowski.

„Ich könnte vegane Kochkurse anbieten“, springt die erste hauptberufliche Hausfrau und Mutter auf. Schnell hat man ein komplettes Volkshochschulprogramm zusammen. Koslowski zischt: „Klar, Pilates und Makramee hilft den Syrern sicher bei der Integration.“ Worauf Herr K. fragt: „Wer sagt Ihnen denn, dass das Syrer sind?“ „Na, ich geh’ doch davon aus, dass wir hier wenigstens Premium-Flüchtlinge kriegen. Syrische Akademiker mit wohlerzogenen Familien.“ „Äh, nee“, mischt sich jetzt der Mann aus der Stadtverwaltung ein: „Hier werden erst mal 324 alleinreisende Vollwaisen aus Somalia untergebracht.“

Man hatte sich das mit der Mitmenschlichkeit einfacher vorgestellt. Zumindest die Idee mit den Bridge-Kursen wird jetzt erst mal zurückgestellt.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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