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21.06.2015

10:25 Uhr

Der moderne Mann

Das 55 x 35 x 20-Zentimeter-Komplott

VonHerr K.

Das Leben ist ein stetiger Anpassungsprozess – auch für Herrn K. Spätestens nach der neuen Handgepäckgrößen-Norm des IATA erwartet er große Veränderungen. Wird das womöglich auch gesamtwirtschaftliche Konsequenzen haben?

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an:  herr.k@handelsblatt.com

Herr K. – der moderne Mann

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

Wenn Herr K. überlegen soll, auf welche Werte er sein berufliches Leben bisher aufgebaut hat, fallen ihm nicht unbedingt zuerst Loyalität, Ehrlichkeit und der ganze andere Kram ein. Das Maß aller Dinge war: 56x45x25 Zentimeter. In diesen Zahlen manifestierte sich die Handgepäckgrößen-Norm des Weltluftfahrtverbandes IATA. Das sind für Unterhosen, Oberhemden, Laptop und Zahnpasta 63.000 Kubikzentimeter, die für viele Menschen essenziell wurden.

„Normalos“ wie Herr K. schwören auf einen schlichten Hartschalen-Rollkoffer. Zu den Profis gehören dagegen jene Unternehmensberatermanagerjuristeningenieure, die ihr Hab und Gut nicht nur in einem mit raffiniert angebrachten Reißverschlüssen volumentechnisch leicht zu vergrößernden Stoffkoffer unterbringen, sondern noch stilistisch passende Zusatztaschen auf ihren Teleskop-Haltegriff packen.

Herr K. ahnt, dass man in dem so entstehenden Stauraum auch illegale Au-Pair-Mädchen oder afrikanische Großwild-Souvenirs ins Land schaffen könnte, ohne in der Sicherheitsschleuse dumm aufzufallen. Und dabei schaffen es diese Profis dort noch, all ihren Krempel innerhalb von 3,2 Sekunden aufs Band zu werfen … fein sortiert nach Waschzeug, Computer und Sonstigem (Schlüssel, Münzgeld in diversen Fremdwährungen, Manschettenknöpfe, Gürtel etc.).

Die Schnelligkeit ist durchaus zu loben. Etwas kritischer sieht Herr K. die Tatsache, dass er gegen solche Leitwölfe im Flugzeuginneren grundsätzlich verliert – weil die immer schon drinsitzen, wenn er kommt, und gelangweilt in die Tageszeitung starren, nachdem sie die Gepäckfächer im Umkreis von drei Metern pickepackevoll geladen haben. Es sind Zeitgenossen, die gern so ein Das-hab’-ich-aber-bezahlt-Gesicht aufsetzen, wenn die Stewardess mal keinen zweiten Tomatensaft rausrücken will.

Zumindest ihnen gönnt Herr K. von Herzen, dass sie ihr Leben angesichts überarbeiteter Koffergrößen womöglich komplett neu ordnen müssen. Der Grund: Die IATA hatte zumindest kurzfristig den Plan, die Gepäcknorm zu ändern. Im Gespräch waren 55x35x20, was nur noch 38.500 (!) Kubikzentimeter (!!) wären, also 40 (!!!) Prozent weniger Inhalt. Müssen Legionen von Topmanagern künftig ihre Terminkalender umplanen und schon nach drei statt fünf Werktagen zurück nach Hause? Wird der Quatsch gesamtgesellschaftliche Konsequenzen haben, die noch gar nicht absehbar sind? Der Verband will seinen Vorstoß zwar selbst nun noch mal prüfen. Aber für die Koffer-Industrie wäre die neue Norm, was die Abwrackprämie mal für die Autoindustrie war: ein Konjunkturprogramm. Kann man Samsonite- oder Rimowa-Aktien kaufen?

Herr K. wartet darauf, dass die Fluglinien nun ihrerseits reagieren und die Normgröße ihrer Passagiere anpassen. Auf ein Maximalgewicht, das in mehreren Schritten auf 50 Kilogramm reduziert wird, was wiederum den Fitnessstudios einen ungeahnten Boom … immer so weiter, bis 8.230 handelsübliche Manager in einen Airbus A319 passen. Nur die Koffer sind dann natürlich wieder viel zu groß. Das Leben ist ein stetiger Anpassungsprozess.

 

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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