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05.05.2017

09:24 Uhr

Der moderne Mann

Detoxing in der Jurte

Herr K. und das digitale Detoxing: Der Entzug vom Smartphone dauert schon Stunden. Und dann schleppt ihn seine Frau auch noch in eine Buchhandlung. Er soll wieder mal ein Buch lesen? Back to the roots? Voll analog?

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an:  herr.k@handelsblatt.com

Herr K. – der moderne Mann

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

Der Entzug von seinem Smartphone dauert nun schon drei Stunden. Drei Stunden! Das bedeutet mindestens 150 wichtige E-Mails, wahrscheinlich inklusive Vorstandsangeboten mehrerer MDax-Konzerne und Anrufen von Londoner Headhuntern. Da ist sich Herr K. sicher, auch wenn die Realität weit öder ausfiele, wenn er sie denn kennen würde: 30 komplett unwichtige Nachrichten, fünf SMS von seinen Kindern, ein Anruf seiner Autowerkstatt und drei Millionen-Erbschaften, die ihm offenkundig legasthenische Top-„Mitarbeiter“ diverser asiatischer Großbanken in Aussicht stellen.

Da Herr K. das aber nicht weiß, murrt er seine Frau an, die für den ganzen Quatsch verantwortlich ist: „Okay, ich bin so ein kleines bisschen Smart‧phone-abhängig. Aber warum um alles in der Welt schleppst du mich nun in eine Buchhandlung?“ Da sie ihn ohne Antwort weiter durch die knuffig-bunten Schmökerecken zieht, kann er nur mutmaßen, was sie vorhat: Er soll wieder mal ein Buch lesen? Back to the roots? Voll analog? Ohne USB-Schnittstelle und Fingerabdruck-Identifikation? Ist es das?

Macht er doch! Er bestellt sich alle Neuheiten, manche liest er sogar an. Bei dem brikettdicken „Homo Deus“, von dem jetzt alle reden, ist er eingeschlafen. Beim neuen Krimi von Jussi Adler-Olsen hat er sich dagegen über den immer nörgeliger werdenden Altherrenton von Kommissar Mørk geärgert – und ist erst dann weggedämmert.

Er tut also wirklich was. Auch sonst. Beim Türken kauft er ganz ohne Preisvergleichs-App Obst. Neulich hat er sein Handy sogar während der Beerdigung von Onkel Gebhard abgeschaltet, obwohl der ihm wirklich nicht nahestand.

Herr K.: Wann ist ein Mann ein Mann?

Herr K.

Wann ist ein Mann ein Mann?

Schon seit zwei Jahren erscheinen im Handelsblatt wöchentlich die Kolumnen von Herrn K. – dem modernen Mann. Höchste Zeit, dass die Kunstfigur ihren Schöpfer befragt – zu Geldanlagen, Grill-Typen und jammernden Männern.

Und wenn schon digitales Detoxing: Hätte sich seine Frau dann nicht wenigstens was Schickeres einfallen lassen können? Frau Stibbenbrook aus der Rechtsabteilung schwört auf regelmäßige Einkehr in einem niederrheinischen Schweigekloster. Koslowski besuchte immerhin schon einen „Original-Schamanen bei Lüdenscheid“. Berger aus dem Marketing fährt einmal im Jahr mit seinen „Buddys“ zum Lachsfischen nach Kanada – „nur ich und der Fisch ... archaische Jagd, verstehen Sie?“ Herr K. versteht nicht. Er hat keine „Buddys“ und mag keinen Lachs, erst recht nicht archaisch. Aber darum geht es ja nicht. Es geht ums Runterkommenauftankenkopffreikriegenseelebaumelnlassen.

In Herrn K.s ganz privatem Entgiftungs-Bingo führt Frau Doktor Schwielow aus dem Vorstand bislang weitgehend ungefährdet. Neulich erzählte sie von einem verlängerten Wochenende in einer mongolischen Jurte. Dank der begleitenden Yak-Milch-Kur sei sie „total bei sich angekommen“, was deutlich eleganter klang als das Lass-uns-mal-ein-Buch-Kaufen seiner Frau.

„Jetzt halt mal die Klappe und vertrau mir!“, zischt sie und zieht ihn weiter durch die Buchhandlung, bis sie endlich ihr Ziel erreicht hat. Plötzlich erkennt Herr K., was sie wirklich mit ihm vorhat. Seine Gesichtszüge entgleisen (Fortsetzung folgt).

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Die besten Kolumnen vom modernen Mann sind im Gabal Verlag erschienen (14,90 Euro) – samt neuen Texten und allen Hintergründen rund um Herrn K. Hier können Sie das Buch zur Kolumne bestellen: kaufhaus.handelsblatt.com/herrk.

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