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16.10.2015

14:39 Uhr

Der moderne Mann

Die Generation Golf macht mobil

VonHerr K.

Abgas-Skandal hin oder her: Herr K. will sich ein neues Auto kaufen und besucht einen VW-Händler in seiner Stadt. Seine emotionale Bindung zu Volkswagen hielt sich bisher in Grenzen – doch diesmal ist alles anders.

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an:  herr.k@handelsblatt.com

Herr K. – der moderne Mann

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

Die emotionale Bindung von Herrn K. zu Volkswagen hielt sich bislang in eher engen Grenzen: Nach dem Abitur bekam er von seinen Eltern einen Gebraucht-Polo geschenkt in einer Farbe, die zwischen "Schlamm" und "Bratwurst" changierte und von breitflächigem Rost zusammengehalten wurde. Eigentlich hätte er ihnen Vorwürfe machen sollen, dass ihnen sein Leben offenbar so wenig wert war. Aber Herr K. war glücklich angesichts des ersten eigenen Autos.

Über Abgaswerte machte man sich damals weltweit noch etwas weniger Gedanken. Wichtig war, was der Polo "von null auf hundert schafft". Wobei schon für dieses Tempo eher Idealkonstellationen nötig waren wie zum Beispiel ein freier Fall im luftleeren Raum, der auch mit manipulierter Software damals nicht hätte erreicht werden können. Es gab überhaupt noch keine Software. Dafür hatte das Auto Zigarettenanzünder, Radio-Kassettendeck und Heizung. Andere technische Raffinessen wie Kopfstützen oder Servolenkung waren entweder noch gar nicht erfunden oder für Herrn K. finanziell unerreichbar.

Über den Polo kam er bei VW nie hinaus, obwohl er durchaus Vertreter der einst von Florian Illies erfundenen "Generation Golf" ist. Aber seien wir ehrlich: Schön war schon immer was anderes als die Modellpalette aus Wolfsburg. Zu VW fallen einem Adjektive ein wie: praktisch, verlässlich, geräumig.

Deshalb war es vielleicht eine Mischung aus Gruseltourismus und Neugier, die Herrn K. am letzten Samstag in die Filiale des größten VW-Händlers seiner Stadt trieb. "20 Prozent sind doch ein Witz", schnappte er noch von einer resoluten Frau auf, die dann an ihm vorbei empört nach draußen wehte und den Verkäufer allein zurückließ. Der schaute unsicher und mühte sich ein Lächeln ab in unverbindlicher Wie-kann-ich-Ihnen-helfen-Kategorie. "Mit einem Auto", sagte Herr K., dem die Blödheit seiner Antwort selbst sofort klar wurde, deshalb ergänzte er: "Ein Diesel wäre schön."

Die Augenlider des VW-Verkäufers zuckten. Aber Herr K. hatte sich vorgenommen, diese ganze Manipulationskiste mit keinem Wort zu erwähnen. Stattdessen ließ er sich den Abgasturbolader und die Emissionsklassen des Passat "BlueMotion" ebenso erklären wie die Common-Rail-Technik. Man hätte meinen können, dass es sich um ein ganz normales Verkaufsgespräch bei einer ganz normalen Automarke handelte.

Fast hatte es etwas Magisches - bis der Verkäufer den Zauber brach: Er könne auch großzügige Rabatte einräumen, platzte es aus ihm raus und dass ihm das alles so leid tue. Sie standen allein in der riesigen Verkaufshalle, deshalb nahm Herr K. den Mann einfach mal in den Arm und sagte: "Sie können ja auch nichts dazu. Sie nicht."

Dann verabschiedete er sich. Und verrückterweise waren beide danach ein kleines bisschen glücklicher, auch wenn hier ausnahmsweise mal gar kein Umsatz gemacht wurde.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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