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04.01.2015

12:17 Uhr

Der moderne Mann

Die große Moleskine-Illusion

Eine kleine schwarze Kladde mit großer Geschichte. In einem Moleskine-Notizbuch notieren doch eigentlich nur Genies ihre großen Gedanken. Nun hat Herr K. auch eines. Aber was soll er nur schreiben?

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an:  herr.k@handelsblatt.com

Herr K. – der moderne Mann

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

Zwischen den Jahren sitzt Herr K. in seinem Home-Office und versucht, kreativ zu sein. "Home-Office" ist vielleicht ein wenig geprahlt; es handelt sich um eine Bücherregal-Nische, vor die ihm seine Frau einen Hocker geschoben hat. Nur fürs Finanzamt ist das hier ein riesiges Loft. Aber kreativ sein will Herr K. wirklich, denn er hat von seiner 16-jährigen Tochter eines dieser Moleskine-Notizbücher geschenkt bekommen, die mittlerweile alle haben ... Berger aus dem Marketing genauso wie Frau Dr. Schwielow aus dem Vorstand.

Alle tragen neben ihrem Smartphone nun gern noch so eine schwarze Kladde mit Gummiband bei sich. Auf Herrn K. machte das Eindruck, weil er mutmaßt, dass wahrhaft große Gedanken und Ideen eben doch archaisch analog mit Tinte auf Papier verewigt werden müssen: authentisch, entschleunigt, ohne USB-Anschluss oder Autocomplete-Funktion.

Wahrscheinlich hat schon Ernest Hemingway erste Fragmente von „Der alte Mann und das Meer“ in so ein Heftchen gekritzelt. Oder Einstein seine Relativitätstheorie. Und Steve Jobs konnte die Idee des iPads ja schon deshalb nicht auf einen elektronischen Notizzettel tippen, weil er das Ding gerade erst erfand. Sicher kritzelte er erste Baupläne auch auf Papier. Dummerweise fällt Herrn K. einfach nichts adäquat Geniales ein. Er sitzt vor seiner Bücherwand und grübelt. Nicht einmal gute Vorsätze für 2015 fliegen ihn an, geschweige denn die Weltformel für die kalte Fusion. Was um alles in der Welt schreiben andere in die Kladden? Gedichte, die sich nicht reimen? Kochrezepte für selbst geschossenes Reh in Aspik? Einkaufslisten?

Und wer hat Moleskine überhaupt erfunden? Herr K. tippt auf Marcel Proust, mindestens, hätte es aber besser bleiben lassen sollen, die Historie seines Heftchens zu googeln: Die Firma wurde erst in den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts gegründet, lässt die Büchlein billig in China produzieren, ist früh von einem französischen Investmentfonds übernommen und 2012 an die Mailänder Börse gebracht worden, wo es mit der Firma seither konsequent bergab geht. Der ganze Zauber mit Hemingway & Co. war nur ein Marketing-Gag, gestand eine Produktmanagerin später. Moleskine transpiriert weniger Geschichte als die Pokemon-Karten des Sohnes von Herrn K.

Er starrt jetzt vor sich hin. Ein Wissender, den sein Wissen schmerzt. Schwer vorstellbar, Frau Dr. Schwielow beim nächsten Meeting damit zu konfrontieren, dass auch sie sich von ein paar italienischen PR-Dödeln hat um den Finger wickeln lassen. Manche Illusionen muss man zulassen. Und auf einmal fließt da wirklich was. Herr K. spürt den Flow. Als er endlich von seinem Heftchen lassen kann, lächelt er erschöpft, aber glücklich. In schwungvoller Schreibschrift hat er nicht nur Namen und Adresse verewigt. Er fühlt sich allmählich in die Zeit seiner Schulhefte zurückkatapultiert, als er sein erstes Werk betrachtet: „Wer das liest, ist doof.“

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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