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29.11.2015

11:44 Uhr

Der moderne Mann

Erst Gardasee, dann starb noch Opa Heinz

VonHerr K.

Das Jahr neigt sich dem Ende und die Post von Herrn K. füllt sich mit Jahresbriefen, die ihn zum Nachdenken bringen. Denn was bringt es, die wichtigsten Ereignisse des vergangenen Jahres in einem Brief zusammenzufassen?

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an:  herr.k@handelsblatt.com

Herr K. – der moderne Mann

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

Wer hat eigentlich den Jahresbrief erfunden? Und warum überhaupt? Herr K. fragt sich das, weil er den Eindruck hat, dass diese persönlichen Bilanzen allmählich überhandnehmen. Er sitzt abends am Schreibtisch und starrt auf Post.

"Liebe alle", gehen die Briefe gern los, worauf ein mindestens vierseitiger Abriss der familiären Geschehnisse des zu Ende gehenden Jahres folgt. Am Computer getippt. Wer es besonders individuell liebt, wählt bei Word eine Schreibschrift wie

Beliebt sind Einstiege der Sorte: "Schon Winston Churchill hat ja bekanntlich gesagt ..." oder: "Mahatma Ghandi wusste es bereits vor 80 Jahren …" Sie versprechen intellektuelle Grundierung und sind meist aus Zitate-Sammlungs-Restposten zusammengeklaubt. Nach einer kurzen Überleitung geht es dann umstandslos in den harten Alltag: "Im Januar hatte Irene eine schlimme Grippe, deshalb mussten wir den Rodelurlaub im Bayerischen Wald ausfallen lassen."

Herr K. fragt sich, wen das interessieren könnte, außer vielleicht Irene, die er nicht kennt, aber im Verdacht hat, dass sie ihre eigene Januar-Grippe schon im Februar vergessen hatte. "Kennst du eine Irene?", fragt er seine Frau, die auf der Couch liegt und angestrengt über ihrem Laptop brütet.

Er muss lachen, weil er gerade über eine besonders schöne Passage stolpert: "Anfang Mai waren wir am Gardasee, und dann starb auch noch Opa Heinz. Aber dafür hat Sophie ja doch noch das Abi geschafft." Egal, früher war ja auch nicht alles besser.

Herr K. kann sich an "Diaabende" erinnern, die man Menschen unter 30 nur noch schwer verständlich machen kann. Diaabend klingt ein bisschen wie Kohlenkeller oder Trimmdichpfad. Seine 16-jährige Tochter fragte neulich: "Was issen Dia?" Er versuchte es weltmännisch: "Eine Art optisches Speichermedium." Als sie nach der "GB-Größe" fragte, gab er auf.

Jedenfalls lag es sicher nicht nur an neuen Kommunikationstechnologien, dass der Diaabend irgendwann ausgestorben ist. Herr K. erinnert sich dunkel daran, sich einst hinter Käse-Igeln und Beaujolais-Primeur-Flaschen versteckt zu haben, während der Gastgeber mit einem Leuchtpfeil auf der Auszieh-Leinwand herumzitterte. Nach einer Stunde war man an Tag zwei einer dreiwöchigen Rucksack-Tour durch die Anden angelangt.

Die Zeit zwischen dem Tod des Diaabends und dem Aufkommen von Facebook Co. gehört zu den menschheitsgeschichtlich angenehm ruhigen. Niemand belästigte einen mit zu viel Privatkram. Das hat sich doch sehr geändert.

"Vielleicht sind Jahresbriefe so etwas wie die Selfies des Bildungsbürgertums. Was meinst du?", fragt er seine Frau, die verstört von ihrem Computer aufschaut: "Was?" Und dann: "Sag mal, meinst du, man sollte diese bescheuerten Jahresbriefe mit irgendeinem Schlauberger-Zitat anfangen?"

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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