Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

25.09.2015

16:35 Uhr

Der moderne Mann

Halal-Grillen für Syrien

VonHerr K.

Herr K. will den Flüchtlingen in seiner Nachbarschaft helfen. Doch er stellt fest, dass das nicht so einfach ist – vor allem mit den AGs. Denn die neue deutsche Willkommenskultur wird erst auf eine harte Probe gestellt.

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an:  herr.k@handelsblatt.com

Herr K. – der moderne Mann

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

Die neue „Folgeunterkunft“ in der direkten Nachbarschaft von Herrn K. ist erst zwei Wochen in Betrieb, provoziert aber schon - salopp formuliert - Mord und Totschlag. Nicht unter den Flüchtlingen, von denen man bislang wenig sieht, sondern unter der großen Zahl von ehrenamtlichen Betreuern, die sich im Vorfeld bereit erklärt haben, irgendwelche Aufgaben zu übernehmen. Nur welche?

Die pensionierten Lehrer aus dem Viertel wollten natürlich lehren, die Juristen beraten und die Erben diverser Weltmarktführer im Bereich Kartonage und Schnappmuffenspiralschnecken ... na ja, alle wollten eben machen, wovon sie was verstehen.

Ist aber gar nicht so einfach. Muss koordiniert werden. So gründeten sich erst mal 54 Refugee-Arbeitsgruppen, unter denen „Trommeln für alleinstehende Frauen“ und „Erfolgsstrategien bei Gehaltsverhandlungen“ noch nicht die exotischsten darstellten. Der Wille zählt! „Über den Workshop ,Frauenrechte leichtgemacht’ freut sich der gewaltbereite Alleinreisende aus Somalia sicher“, murrte Herrn K.s Nachbar und Arbeitskollege Koslowski, der selbst die „AG Wildwasserrafting“ ins Leben rief. In einem sollte Koslowski recht behalten: Es war nicht nur mit netten syrischen Kleinfamilien mit akademischem Background zu rechnen.

Die Ärzte in Herrn K.s Nachbarschaft wollten derweil alle irgendwas heilen, stellten aber schnell fest, dass sie Operationen am offenen Herzen oder selbst Routineeingriffe an Bandscheiben oder Patella doch den örtlichen Krankenhäusern überlassen mussten. Für Fußmassagen waren sie sich indes zu schade. Wofür hat man in North Carolina und Paris studiert?

Es war also gar nicht so leicht, endlich mal richtig barmherzig zu sein. Inzwischen gab es zu den 54 Arbeitsgruppen auch diverse Koordinierungsbüros, die vor allem die Betreuung der Betreuer sicherstellten. Die Nerven lagen blank, als wenigstens das lange erwartete Willkommensfest steigen durfte, in dessen Planungsstab Herr K. und seine Frau noch Plätzchen als 2. und 3. Schriftführer ergattert hatten.

Nun scheint die Sonne, alle Eifersüchteleien zwischen den konkurrierenden AGs „Vegane Ernährung“ und „Halal-Grillen“ wurden rechtzeitig beigelegt. Und endlich darf die Vorsitzende des Begrüßungskomitees, eine emeritierte Sozialpsychologin, das Wort an das erste Dutzend Neuankömmlinge richten: „A warm welcome to all of you, dear refugees!“

„Äh, könnense ditt ooch uff Deutsch?“, berlinert einer der Neuankömmlinge. Es stellt sich dann schnell raus, dass es sich überwiegend um deutsche Obdachlose handelt, die hier „quasi untergerührt“ werden, „um die Ethnien besser zu mischen“, wie der eigens angereiste Beamte der Stadtverwaltung erklärt.

Mehrere Helferinnen fangen an zu weinen, werden aber von dem einzigen echten Syrer getröstet, der Aleppo leider auch nur aus Erzählungen kennt. Die neue deutsche Willkommenskultur wird auf eine erste harte Probe gestellt.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×