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23.10.2015

16:35 Uhr

Der moderne Mann

Hört doch eh niemand zu

VonHerr K.

Herr K. ist nicht glücklich mit der modernen Kommunikation im Büro. Er merkt, dass die Kollegen irgendwie aneinander vorbeileben. Deshalb testet er das aus und sieht, dass es da noch einiges an Nachholbedarf gibt.

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an:  herr.k@handelsblatt.com

Herr K. – der moderne Mann

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

Neulich war Herr K. bei einem geschäftlichen Empfang, als ihm plötzlich ein alter Schulfreund gegenüberstand: "Möönsch, dich hab’ ich ja eeewig nicht gesehen!", patschte ihm der andere auf die Schulter. Er war schon früher so ein Anfasser. Nicht bei Frauen, nur bei "Buddys", was die Sache nicht besser macht.

Dann fragte der andere: "Wie geht’s dir denn?" Und weil Herr K. wusste, dass der Typ noch nie zuhören konnte, antwortete er: "Neulich hab’ ich mir zwei Finger abgerissen, und meine Tochter ist heroinsüchtig, aber sonst ist alles paletti." "Mensch, super, du!" Und dann noch: "The best is yet to come, gell?!" Sein Schulfreund patschte ihm erneut auf die Schulter und war schon weitergezogen.

Diese Erfahrung moderner Kommunikationsdefizite war für Herrn K. so aufwühlend, dass er sie am nächsten Tag auf die Probe stellen wollte bei seiner Sekretärin, als die abends fragte: "Ich würd’ dann gern gehen. Kann ich noch was machen?" Er antwortete: "Können Sie bitte in der Kaffeeküche einen Scheiterhaufen anzünden und Schmitt-Scheckenbach aus dem Controlling auf kleiner Flamme rösten! Für mich reicht ein Strick."

"Alles klar, dann noch ’n schönen Abend", grüßte sie fröhlich und entschwand in die oktoberschwarze Nacht. Es erübrigt sich zu sagen, dass weder da noch an den darauffolgenden Tagen irgendwelche Feuerwehreinsätze in der Kaffeeküche zwingend geworden wären. Die Schlussfolgerung, dass man einander nicht mehr zuhört, lag für Herrn K. zu nahe. Eigentlich. Deshalb wollte er am nächsten Mittag in der Kantine noch mal sichergehen.

Dort ging es irgendwann um die Frage nach dem Und-was-machen-Sie-so-am-nächsten-Wochenende? Als nach eintönigstem Allerlei die Reihe an ihn kam, sagte Herr K.: "Meine Frau kommt für zwei Tage aus der Entzugsklinik, um sich von mir zu verabschieden … ich hab ja nur noch zwei Wochen. Aber der künstliche Darmausgang ist schon praktisch!"

Koslowski murmelte abwesend: "Cool." Berger stand bereits auf und wünschte "viel Spaß!" Nur Frau Stibbenbrook aus der Rechtsabteilung sah ihn aschfahl an. Er hatte einige Mühe, ihr den experimentellen Charakter seiner Versuchsanordnung zu erklären.

Als er an diesem Abend nach Hause kommt, fragt Herr K. seine Frau, was so war, und sie sagt: "Mit deinem Sohn musste ich zum Notarzt, weil er bei einer Schulhofschlägerei eine Gehirnerschütterung abbekommen hat. In der Zeit haben Diebe das Haus auf den Kopf gestellt und das Robbe Berking-Silber mitgenommen. Und deine Mutter ist wegen einer Thrombose ins Krankenhaus eingeliefert worden."

"Super, Schatz!", sagt er. "Morgen muss ich dir mal erzählen, wie total aneinander vorbei man im Büro lebt." Dann drückt er ihr einen Kuss auf die Stirn und legt sich schlafen.

Was lernen wir daraus? Meine Güte, was soll man schon aus Kolumnen lernen! Vielleicht das: Wenigstens Sie, liebe Leser, hören noch genau zu. Print wirkt!

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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