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08.07.2016

19:35 Uhr

Der moderne Mann

Im Kosmos der Kapseln

VonHerr K.

Früher ging Herr K. in den Supermarkt, wenn er Kaffee benötigte. Heute geht er in einen Kaffeeshop und findet, dass aus Kaffeepulver eine Mischung aus Astrophysik und Tiffany's geworden ist. Was kommt wohl als Nächstes?

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an:  herr.k@handelsblatt.com

Herr K. – der moderne Mann

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

Bis vor kurzem dachte Herr K.: Wenn man Kaffee benötigt, geht man in einen Supermarkt und kauft ein Pfund. Diese Illusion entstammt einer Ära, als der Melitta-Mann noch eine Art Mittelschichts-Hero war. Das ist fast so lange her wie Wählscheibentelefone und Schulausflüge an die „Zonengrenze“. Der Melitta-Mann der Jetztzeit heißt George Clooney, schäkert in der Werbung über dem Lago di Sonstwas mit Topmodels und nippt dazu an einem Espresso, der vorher durch hochpreisige Aluminium-Kapseln gepresst wurde, nicht durch schlammfarbene Filtertüten in Muttis Einbauküche.

Unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit rangieren die Kapseln irgendwo hinter Braunkohle-Tagebau. Aber mit einem einzigen Satz wischte Herrn K.s Frau seine Bedenken beiseite: „Man kann nicht alles haben.“ Das sollte heißen: Wer hip sein will, muss ökologisch auch mal fünfe gerade sein lassen. So schickte sie ihn zum Nachkaufen in den Kaffeeshop, der aber eher ein Bohnen-Flagshipstore sein möchte.

Zwar irritiert Herrn K., dass man am Eingang eine Nummer ziehen muss, weil das ja eher an Einwohnermeldeamt erinnert. Andererseits suggeriert es eine Knappheit des Angebots, die an diesem Vormittag nicht unbedingt gegeben ist. Kaum hat er die Nummer, zeigen ihm große Displays, an welche der gelangweilten Verkäuferinnen (die hier sicher Junior Key Account Costumer Relations Aides heißen) er sich wenden darf.

Er ist beeindruckt: Die Regalwand ist sicher aus Tropenholz, das Vitrinenglas mundgeblasen aus Murano und die Fachkraft mindestens Sozialpsychologiestudentin im achten Semester. Sie will wissen, ob er schon Mitglied sei (nein), Mitglied werden wolle (äh) und welche Geschmacksnote er bevorzuge (hä?). Ist er mehr der Vivalto-Lungo-Typ? Favorisiert er die „intensiven Röstnoten“ des Dharkan?

Und auch wenn er keine Ahnung hat, erlebt er in diesem Moment doch die ganze Erotik heutigen Röstkaffees. Ist ja übrigens in Autohäusern ähnlich, nur andersrum: Dort werden einem die Kombis und SUVs von gesetzten Herren verkauft. Wenn es Reklamationen gibt, landet man bei einer 20-jährigen Blondine mit Kulleraugen, was die Gereiztheit der Kundschaft zumindest anfangs durchaus mildern kann.

Jedenfalls findet Herr K. es toll, wie aus etwas so Profanem wie Kaffeepulver eine Mischung aus Astrophysik und Tiffany‘s geworden ist. Vielleicht könnte man das auch mit Waschmitteln schaffen oder Toilettenpapier. Wäre er der Typ der vierlagigen Variante aus handgeschöpftem bretonischem Büttenpapier? Dann kauft er für 150 Euro bunte Kapseln. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Der Melitta-Mann heißt übrigens Egon Wellenbrink. Wenn Wikipedia recht hat, ist er mittlerweile 71 und lebt noch ein bisschen von seinem alten Ruhm. Wer weiß, wie der heute seinen Kaffee trinkt. Aber er ist sicher eher der Volluto-Typ.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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