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04.10.2014

14:10 Uhr

Der moderne Mann

King Kong oder Hassprediger?

Der moderne Mann trägt Bart. Und zwar nicht nur einen Drei-Tage-, sondern sogar einen Acht-Tage-Wildwuchs oder ein Kinn-Ziegenbärtchen. Herr K. ahnt, dass dieser Körperschmuck etwas aussagen soll. Nur was?

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an:  herr.k@handelsblatt.com

Herr K. – der moderne Mann

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

Es gibt weltpolitisch viele Fragen, denen sich Führungskräfte im mittleren Management - wie Herr K. - aktuell stellen müssen. Proaktiv. Zum Beispiel: Wie halte ich's mit der Ukraine? Herr K. ist nicht sicher, mit welcher Meinung er seinem Vorstand die größte Freude bereiten könnte, und rettet sich deshalb bislang in ein entschlossenes „Ihr wisst ja, dass ich die Ost-Ukraine ambivalent sehe“. Natürlich weiß das niemand, aber es wird dann auch nicht mehr nachgefragt, weil man's ja wissen sollte. 

Noch wichtiger ist zurzeit allerdings die Frage: Trägt der moderne Mann wieder Bart ... und zwar nicht nur in der Ost-Ukraine? Berger aus dem Marketing kam jüngst mit derart zotteligem Gewölle am Kinn aus dem Kanada-Urlaub zurück, dass Herr K. schon zu seiner Sekretärin sagen wollte: „Bastelt bei uns neuerdings King Kong die Reklame-Flyer?“ Er ließ das aber, weil sie just in dem Moment von Bergers „look“ zu schwärmen begann. Das ist jetzt zwei Wochen her. Seither sieht Herr K. überall Bärte. 

In seiner Jugend war dieses Gesichts-Accessoire allenfalls etwas für Polizeibeamte, Bergbauern und lustige Menschen, die „Originale“ genannt wurden und an Bart-Wettbewerben in bayerischen Luftkurorten teilnahmen. Männlichkeit konnte man eher mit der Art beweisen, wie man dem Haarwuchs Einhalt gebot. Herr K. erinnert sich ungern des hart an den Rand der Selbstverstümmelung reichenden Blutbades, das er einmal zu Hause beim Nassrasieren anrichtete.

Der moderne Mann: Genderfrage und Gepäckablage

Der moderne Mann

Genderfrage und Gepäckablage

Der lange Marsch der Frauen in die Führungspositionen hat begonnen. Herr K. freut das. Aber er fühlt sich bisweilen wie ein Müllsack, wenn er den neuen Managerinnen in der Firma begegnet.

Seither steht der Pinsel aus feinstem Dachshaar dekorativ im Badezimmer, und Herr K. nutzt heimlich wieder den Elektrorasierer. Das ist vielleicht uncool, aber praktisch. Zwar kam dann noch jene Ära, in der man mit einen fusseligen Acht-Tage-Bart bei Frauen reüssieren konnte, doch da war Herr K. längst verheiratet. In jüngster Zeit musste er sich eher damit auseinandersetzen, dass der Freund seiner Tochter so ein skurriles Kinn-Ziegenbärtchen trägt. 

All dieser Körperschmuck soll etwas aussagen, ahnt Herr K. Er weiß nur nicht, was. Vielleicht: neue Männlichkeit? Zivilisierte Wildheit? Oder: Wir sind alle ein bisschen Taliban? Es sind ja nicht irgendwelche filigranen Schnäuzer, die er nun in der Werbung, aber auch bei den Verkäufern in den Herren-Oberbekleidungsgeschäften seines Vertrauens erlebt. Hier wie dort wird er mit buschigen Matten konfrontiert, die bis auf die Brust reichen und jedem Hassprediger alle Ehre machen würden. Sollen solche Bärte sagen: Dieser Mann macht keine Kompromisse? „Bin ich das? Ein ganzer Kerl? Unangepasst? Pur?“, fragte sich Herr K. am Wochenende beim abendlichen Blick in den Badezimmerspiegel. 

Er hatte der Natur drei Tage ihren Lauf gelassen. Einziges Ergebnis: Sein sechsjähriger Sohn schrie beim Umarmen: „Bäh, Papa, du kratzt!“ Herr K. lächelte, als er das hörte. Er wusste nun, was zu tun war, und fühlte sich wie sein Elektrorasierer: uncool, aber praktisch. 

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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