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18.10.2014

16:19 Uhr

Der moderne Mann

Man ist, was man trinkt

Herr K. ist bekennender Opportunist. Und obwohl er Tee für so geschmackvoll hält wie in Olivenöl eingelegte Stützstrümpfe, hat er sich nun eine teure Glastasse besorgt. Denn Tee steht wie alle Moden für eine Haltung.

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an:  herr.k@handelsblatt.com

Herr K. – der moderne Mann

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

Offenbar ist in Führungszirkeln grüner Tee seit einiger Zeit unglaublich hip. Herr K. weiß nicht, weshalb, denn eigentlich schmeckt so ein Aufguss doch wie in altem Olivenöl eingelegte Stützstrümpfe. Aber nachdem er in einem Wirtschaftsmagazin gelesen hat, wer alles mittlerweile auf grünen Tee schwört, musste seine Frau auch eine sehr teure Glastasse für ihn kaufen samt Tee-Ei und natürlich den Grundstoff, der aussieht wie vertrockneter Spinat.

Es gibt dazu Nachschlagewerke, die einem die korrekten Aufbrüh-Temperaturen näher bringen und die regionalen Feinheiten jeder First-Flush-Hanglage im Hochland von Radschastan sowie die Unterschiede von Matcha und Sencha. So weit würde er in der Detailarbeit aber erfreulicherweise nicht gehen, denn er ist ja nicht von der heilenden Wirkung des Heißgetränks überzeugt, sondern allenfalls von dessen publikumswirksamer Symbolkraft. Herr K. ist bekennender Opportunist.

Wofür also steht grüner Tee? Wie alle Moden für eine gewisse Haltung, nimmt Herr K. als trendtechnisch Außenstehender an. Er könnte ja diese Beutel-Mischungen kaufen, die im Supermarkt seines Vertrauens heute „Wohlgefühl“ oder „Herzenslust“ heißen. Aber das wäre in seinem Falle wahrscheinlich unter Positionierungs-Gesichtspunkten genauso wirkungsvoll wie ein Diddlmaus-Kaffeebecher. Selbst aufgebrühter grüner Tee steht für Nachhaltigkeit und Askese.

Der moderne Mann: Walkürenritt im Flughafen-Bus

Der moderne Mann

Walkürenritt im Flughafen-Bus

Herr K. ist gerade am Flughafen gelandet, dann geht es mit dem Bus weiter. Auf das, was er dann erlebt, hätte er lieber verzichtet. In seiner direkten Nachbarschaft machen sich gleich drei Mobiltelefone bemerkbar.

Was verriet es dann aber, dass die Business-Class-Reisenden vor 20 Jahren schon den ersten Cognac bestellten, als im Flieger die Anschnallzeichen noch gar nicht erloschen waren? Spaß bei der Arbeit? Damals hat man der Stewardess auch noch schmutzige Komplimente gemacht, für die man heute zu Recht noch vor der Landung alle bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt bekäme. Hat die Lufthansa überhaupt noch harte Spirituosen im Angebot? Eine Zeit lang war dann Cola Light en vogue, vielleicht weil das jugendlich-sportliche Dynamik verströmte. Karl Lagerfeld scheint Cola Light bis heute zu trinken, auch wenn Herr K. seine Fachkenntnisse dazu nur der „Bunten“ verdankt und andere Führungsfiguren schnell auf Wasser umschwenkten.

Stilles Wasser. Herr K. hat den Eindruck, dass das Wasser nach dem Platzen der New-Economy-Blase wellengleich in deutsche Vorstände schwappte, weil es zugleich für Reinheit, Authentizität und Bescheidenheit stand. Vielleicht gehen Herrn K.s küchenpsychologische Ausflüge da schon zu weit, aber es gab eine Zeit, da musste das Wasser mindestens aus der Felsquelle eines norwegischen Einödbauern stammen und in Karaffen abgefüllt sein, die von Philippe Starck designt waren.

Tja, und dann kam eben der Tee, von dem seine Frau gar nichts hält. Als Herr K. sich zu Hause das erste Mal einen aufbrühte, öffnete sie demonstrativ alle Fenster. Er versprach, das Zeug fortan aufs Büro zu beschränken. Dann machte sie ihm einen total unnachhaltigen und sahnig-ungesund-süßen Nespresso Latte. Sie mussten beide lachen.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Von

Kommentare (1)

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Herr Thomas Podgacki

20.10.2014, 07:46 Uhr

Über den gesunheitlichen Wert von Grünem Tee kann ich keine Aussage machen. Geschmacklich iat G. T. für mich in der Kategorie Bittere Medizin enzusortieren.
Freiwillig so etwas zu trinken, grenzt an Selbstgeisselung.

Wiederlich.

Schönen Tag noch.

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