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22.04.2016

16:28 Uhr

Der moderne Mann

Sophie-Antoinette soll’s mal besser haben

VonHerr K.

Privatgymnasium, Elite-Internat und Violoncello-Unterricht: Herr K. erlebt, wie die Zukunft eines Kindes strikt geplant wird. Dabei wird er nachdenklich. Er überlegt, welche Hilfestellungen er seinem Sohn bislang bot.

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an:  herr.k@handelsblatt.com

Herr K. – der moderne Mann

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

Er fühlt sich an die Werbung einer Baumarkt-Kette erinnert, in der es zurzeit immer heißt: "Mach es zu deinem Projekt!" Herr K. schaut rüber zu Herwig und Carina Ramelow, die gemeinsam mit ihrer Tochter Sophie-Antoinette auf der Roche-Bobois-Couch sitzen und imaginären Staub vom fliederfarbenen Cordbezug wischen, während sie ihm gerade erklären, wie das mit ihrer Tochter weitergeht.

Das Abitur auf dem altsprachlichen Privatgymnasium ist natürlich Pflicht. Wozu sonst schickt man Sophie-Antoinette vorher ein halbes Jahr in ein englisches Elite-Internat? "Jeder Monat dort kostet mehr, als ich verdiene", sagt Carina, die gerade Partnerin in einer auf internationale Schifffahrtsverträge spezialisierten US-Kanzlei geworden ist. "Nix mit Panama", giggert sie. "Alles total legal."

"Na ja, was ist heute noch legal?", murmelt Herwig, CFO in einem TecDax-Unternehmen: "Sophie-Antoinette soll es jedenfalls mal besser haben als wir." Herr K. überlegt, wie das gehen soll, lässt sich aber nichts anmerken, als er aus dem Versace-Tässchen den Espresso nippt. "Die Zeiten sind ja Gott sei Dank vorbei, als Sophie-Antoinette noch wegen ihres Geschlechts benachteiligt worden wäre. Aber natürlich muss sie Leistung bringen", sagt Herwig. "Leistung ist das A und O", flankiert Carina. "Wir können nur Hilfestellungen bieten. Aber welche Eltern würden das nicht tun?"

Herr K. kann sich das lebhaft vorstellen, was das im Fall der Ramelows für einen fein aufeinander abgestimmten Masterplan bedeutet: vom Violoncello-Unterricht über die Teilnahme am Debattierclub in der bilingualen Kita bis zum Mandarin-Unterricht mit der eigens aus Tianjin besorgten Au-pair-Kraft: "Ohne Chinesisch bist du in Zukunft nix", sagt Herwig. "Null netto."

Aber auch Freizeitaktivitäten sollten nie zu kurz kommen. "Sie darf ja nicht seelisch verkrüppeln. Hahaha!", lacht Herwig. Also auch Segeln, Theater-AG (bietet Lee Strasberg eigentlich auch Sommercamps?) und ein paar Social-Media-Kontakte in ausgewählten Schwellenländern. Man weiß ja nie, ob man irgendeine Conchita oder Jayanti nicht mal zur Verbesserung von Sophie-Antoinettes Charity-Score braucht. Ganz ohne Hahaha!

Herr K. überlegt, welche Hilfestellungen er seinem eigenen sechsjährigen Sohn bislang bot. Aber außer ein paar Tipps beim Angry-Birds-Spielen fällt ihm jetzt ad hoc nichts ein. Sophie-Antoinette soll nach Möglichkeit an einer Ivy-League-Uni studieren oder vielleicht am MIT. "Ich bin ja für einen klaren IT-Fokus", sagt Herwig. "Die Welt gehört den Googles und Facebooks." Carina sieht ihre Tochter entweder als Juristin oder im Diplomatischen Dienst.

"Und was meint sie selbst?", fragt Herr K. aufmunternd in Richtung Sophie-Antoinette. In diesem Moment kotzt das fünf Monate alte Baby ihre jüngste Portion Folgemilch über ihr champagnerfarbenes Petit-Bateau-Kleidchen. Vielleicht wird ja am Ende doch nur ein ganz normaler Mensch aus ihr. Hahaha!

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K.auf Twitter: @herrnK

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