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05.02.2016

16:51 Uhr

Der moderne Mann

Verblöden, aber glücklich

VonHerr K.

Das Training im Fitnessstudio nimmt Herr K. sehr ernst: Dreimal wöchentlich versucht er wenigstens einen Halbmarathon zu laufen. Die Vorteile hat Herr K. schnell erkannt, doch so ganz kann er dann doch nicht abschalten.

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an:  herr.k@handelsblatt.com

Herr K. – der moderne Mann

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

Halbmarathon? Was Schnabel aus dem Vorstand schafft, kann Herr K. ebenfalls. Und er macht nun jeden Tag Fortschritte, ohne auch nur einen Meter voranzukommen: Das Laufband in seinem Fitnesscenter wird für ihn in kurzer Zeit zu einem Vertrauten … so wie Achmed, der Außendienstler eines osteuropäischen Inkasso-Unternehmens, und Ingeborg, die pensionierte Verwaltungsfachangestellte. Beide trifft er immer, wenn er nun dreimal wöchentlich morgens um 5.30 Uhr (!) aufläuft.

Es hatte sich schnell herauskristallisiert, dass dies die beste Zeit für ungestörte Leibesertüchtigung ist. Am Anfang kam Herr K. mal abends nach der Arbeit und fand sich in einer Art Hormon-Wolke sehr geschlechtsreifer Großstädter wieder, die sich um alles kümmerten, nur nicht um die technischen Geräte. Musikalisch untermalt wurde die Balz von etwas, das Deathmetalhardcorepunkrock hätte heißen können. Aus dem Alter ist Herr K. raus.

Gut, es gab im wahrsten Sinne des Wortes Anlaufschwierigkeiten: Bei seinen ersten Gehversuchen (haha, noch so ein Hammer-Sprachwitz, er ist überhaupt viel kreativer geworden, seit er läuft, findet zumindest er selbst) musste Herr K. seine Kräfte schon auf einer 100-Meter-Strecke genau dosieren.

Und natürlich erlebte er gewisse Rückschläge. Etwa als er das erste Mal eine halbe Stunde ohne Pause gerannt war und feststellen musste, dass er dabei lediglich den Kalorien-Gegenwert einer Handvoll Erdnüsse verbrannt hatte. Aber das alles kann ihn irgendwann nicht mehr stoppen.

Das Laufen setzt Glücksgefühle frei. Hat Herr K. gelesen. Und er ist bereit, sich das ganz fest einzureden. So läuft er irgendwann eine Stunde. Dann eineinhalb und schließlich zwei. Gut, man verblödet, ist aber glücklich dabei. Als er in jenem Moment schweißnass aufs Display schaut, stellt er ernüchtert fest, dass ihm zum Halbmarathon noch immer fünf Kilometer fehlen. Okay, dann muss er nach der Ausdauer nun eben auch noch an der Kraft arbeiten. Er wird das schaffen, sogar ohne die Anabolika-Cocktails, die ihm Achmed eines Morgens anbietet.

Doch dann kommt ihm das kurzfristig anberaumte Townhall-Meeting in die Quere, bei dem Vorstandschef Reschke mit düsterer Miene das kleine Podium betritt. Das Mikro quietscht kurz, dann beginnt der Alte eine weitschweifige Einleitung, in der von Cicero bis Churchill alles vorkommt, was das Zitate-Wörterbuch seines Assis hergab.

Die Rede kulminiert in dem Satz: "Herr Schnabel ist von uns gegangen." Anscheinend ist er beim Training für seinen Halbmarathon zusammengeklappt. Schlaganfall. "Bis der Rettungswagen kam, war er längst von der großen Bühne des Lebens gerutscht", wird Koslowski später erstaunlich lyrisch.

Als Reschke vom Podium klettert, hört Herr K. ihn noch zu seiner Sekretärin murren: "Ich hab’s immer gesagt: Sport ist Mord." In diesem Moment geht allerlei zu Ende … nicht nur Herrn K.s läuferischer Ehrgeiz.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K.auf Twitter: @herrnK

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