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30.10.2015

18:19 Uhr

Der moderne Mann

Wahrheiten in Wellness-Katakomben

VonHerr K.

Wellness-Wochenenden erleben derzeit einen Boom. Auch Herr K. ist diesem Trend gefolgt und hat mit seiner Frau einen Spa besucht. Bei einem Relax-Paket hat er viel Entspannung erwartet. Doch es kam doch ganz anders.

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an:  herr.k@handelsblatt.com

Herr K. – der moderne Mann

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

Wer seiner Frau heutzutage etwas Gutes tun will, sollte ihr keinen Gutschein für ein Gesichtspeeling schenken. So etwas sorgt bisweilen für Missverständnisse, die sich nur schwer wieder ausräumen lassen. Der moderne Mann überrascht die moderne Frau pünktlich zu den Herbstferien eher mit einem "Wellness-Wochenende" - das sich Herr K. dann aber doch anders vorgestellt hat.

Ehe er sich’s versah, lag er neben seiner Gattin in einem Landhotel im Nordschwarzwald auf nappaleder-bespannten Designerpritschen und unterzog sich einer "Phonophorese Rückenbehandlung". Dabei fummelte eine gelangweilte Kosmetikerin mit Stimmgabeln an ihnen herum und referierte mit dem Enthusiasmus einer Eieruhr, wie "die Tonpunktur auf Körper, Geist und Seele wirkt und dabei Blockaden löst und die Muskulatur entspannt".

Vielleicht hat sie sich mal in einem Feierabend-Crashkurs zur Diplom-Nail-Designerin ausbilden lassen. Medizinische Fachkenntnisse waren ihr jedenfalls nicht anzumerken. Bei Herrn K. löste sich nix. 30 "Wohlfühlminuten" kosteten trotzdem 89 Euro, womit ihm allmählich klar wurde, warum in den sich metastasenartig vergrößernden Spa-Bereichen heutiger Beherbergungsbetriebe so selten ein Gast zu finden ist.

Die Pools, nein: Badelandschaften werden immer gewaltiger, dekoriert mit diversen Saunen, Dedon-Mobiliar und der jährlichen Granit-Ausbeute kompletter Schwellenländer. Dazu Wallawalla-Musik von peruanischen Hochland-Panflötisten und chronisch adrettes U-25-Servicepersonal, das nie etwas anderes tun muss, als in strahlend-weißen Kittelchen freundlich "Hallo" zu sagen.

Oder geht alles so diskret zu, dass man immer gleich in Separées verschwindet für Lymphdrainage und "Detoxing Körperanwendung"? Hotels sind ja auch nur ein Spiegel der Gesellschaft. Vor 20 Jahren brauchten alle Squashplätze, die nun vor sich hin rotten. Jetzt haben alle ein Spa in Fußballfeld-Größe.

"Sind wir hier, weil wir das wollen? Oder weil das jetzt als schick gilt?", fragt Herr K. vorsichtig seine Frau bei der anschließenden Avocado-Öl-Massage "mit warmen Venusmuscheln" (150 Euro). Sie hatten jetzt noch die Wahl zwischen entschlackendem Heubad, Salz-Öl-Peeling im Dampfbad und 30 Minuten Goldquarzliege, die angeblich schon "im alten Ägypten" den "Energiefluss ins Gleichgewicht" brachte. Mehr Firlefanz ging eigentlich nicht.

Seine Frau antwortete: "Ich dachte, DU wolltest hier rein! Das ist wie bei deinem SUV. Mit dem fährst du auch nie ins Gelände, willst aber, dass du’s könntest." Am nächsten Tag machten sie einen langen Spaziergang, redeten viel und aßen später lecker Kuchen.

Herr K. ahnt, dass da ein ganz neuer Reduktionstrend auf die Welt zurollt. Less is more oder so. Er ist kein Fachmann für derlei, wird aber auch das mitmachen.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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