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18.09.2015

16:13 Uhr

Der moderne Mann

Weicheier auf „Wolke vier“

VonHerr K.

Wann ist ein Mann ein richtig moderner Mann? Diese Frage beschäftigt Herrn K. besonders, vor allem wenn er Musik hört. Irgendwie kann sich Herr K. mit den Songs nicht anfreunden. Doch war das denn zu seiner Zeit anders?

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an:  herr.k@handelsblatt.com

Herr K. – der moderne Mann

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

Wann ist man als Mann heutzutage ein richtig moderner Mann? Wenn man mit seinem Sohn auf dem abgefressenen Stadtteil-Spielplatz Fußball spielt? Wenn man eine Waschmaschine installieren kann? Oder doch eher, wenn man seiner Gattin ohne Thermomix ein dreigängiges Abendmenü zaubert, nachdem der eigene Büro-Tag auch nur so semi-spaßig war? Herr K. fragt sich das immer dann, wenn er moderne Männer Musik machen hört.

Was in den deutschen Charts momentan ganz oben steht, hat inhaltlich etwas seltsam Verheultes, findet er. „Cro“ zum Beispiel macht ja ganz gefällige Musik, aber seine Texte!? „Mein Kopf ist voller Wörter, doch es kommt nichts raus“, ist so ein typischer Cro-Satz.

Da denkt sich Herr K., dass Mund-Aufmachen vielleicht mal helfen würde. Und dazu trägt Herr Cro immer eine Panda-Maske. Entschuldigung, was verrät das über einen auch nicht mehr ganz jungen Menschen, und juckt die Maske nicht sehr, wenn man schwitzt?

Authentizität scheint andererseits wichtig, deshalb heißen die Sänger heute nicht mehr Costa Cordalis oder Roy Black, sondern Andreas Bourani oder Philipp Dittberner, der zurzeit in jedem Kaufhaus-Aufzug seine „Wolke vier“ besingt. Herr K. ahnt, dass diese Wolke vier repräsentativ sein könnte für eine ganze Generation von unentschlossenen Weicheiern, Beckenrandschwimmern und Jasmintee-Trinkern, die dann mit unförmiger Strickmütze durchs 17. Semester ihres Sozialpsychologie-Studiums Sitzfahrrad fahren.

Er muss das mal so böse formulieren, denn in dem Song heißt es: „Lass uns die Wolke vier bitte nie mehr verlassen / Weil wir auf Wolke sieben viel zu viel verpassen. Ich war da schon einmal / bin zu tief gefallen. Lieber Wolke vier mit dir als unten wieder ganz allein.“

Mit anderen Worten: Die Besungene ist als Wolke vier eine Notlösung, das Prinzip „Kannste nix verkehrt machen“. Quasi das Billy-Regal unter den Frauen: eher praktisch und preiswert. Auf jeden Fall besser als echte, große, mitunter schmerzhafte Gefühle. Und dazu heult Herr Dittberner seiner bemitleidenswerten Freundin auch noch von seiner Verflossenen vor, die ja drei Wolken-Kategorien besser war, aber sein „kleines Herz zerbombt“ hat.

Geht’s noch uncharmanter? Also lieber gar kein Risiko mehr eingehen im Leben? „Und aussehen tut er wie ein Tofu-Taler, dieser Herr Dittberner“, schimpft sich Herr K. vor seiner Frau in Rage. Sie stehen im Supermarkt bei den Tütensuppen, „Wolke vier“ tropft sämig aus den Deckenlautsprechern. „Na ja, die Helden deiner Kindheit waren auch eher dubiose Kerle“, wirft sie ein. Er schaut sie fragend an, worauf sie antwortet: „Der Gitarrist von AC/DC rannte schon vor 30 Jahren in kurzen Schulhosen über die Bühne. Und die Jungs von Kiss sahen aus wie eine Mischung aus Billig-Geishas und Ruhrpott-Drag-Queens.“ Ach, wie recht sie wieder hat!

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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