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25.06.2016

10:17 Uhr

Der moderne Mann

Wie man Schweini richtig liest

Von Fußball will Herr K. eigentlich nichts wissen, abgesehen von kurzen Analysen. Doch der Ballsport ist längst im Feuilleton angekommen – und fordert mehr Zuwendung als Erdnussflips essen und Panini-Bildchen kaufen.

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an:  herr.k@handelsblatt.com

Herr K. – der moderne Mann

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

Sportive Großereignisse wie die Fußball-Europameisterschaft setzen Herrn K. unter einen gewissen Erfolgsdruck. Dabei geht es nicht um irgendwelche Hochleistungs-Erwartungen. Seine Frau hat ihm eher mitleidig mehrere XXL-Großpackungen Erdnussflips und einen schwarz-rot-goldenen Schlapphut besorgt. Mit derlei Vollidioten-Accessoires glaubt sie, ihn in den nächsten Wochen vor der Glotze im Gästezimmer ruhigstellen zu können, womit das eigentliche Problem erst beginnt: Herr K. interessiert sich gar nicht sonderlich für Fußball. 

Jedenfalls nicht so sehr, wie es neueren gesellschaftlichen Konventionen gemäß wohl vonnöten wäre. Längst reicht es nicht mehr, ein Spiel in Kurzanalysen zu würdigen wie: „Buoah, voll die Blutgrätsche?!“ Es will interpretiert, ja: "gelesen" werden, wie Berger aus dem Marketing neulich in der Kantine erklärte. Nun ja, früher las man aus den Eingeweiden unbescholtener Nutztiere, heute liest man Boateng, wozu es natürlich deutlich mehr Fachwissen braucht, das Herr K. sich erst aneignen muss, um nicht dumm aufzufallen.

„Kicker“-Abo reicht nicht mehr. „11 Freunde“ ist angeraten. Bis vor wenigen Tagen hätte Herr K. nicht mal sagen können, ob ein gewisser Giorgio Chiellini in Mailand eine Eisdiele führt oder in der Squadra Azzurra als Innenverteidiger spielte. Jetzt kann er Berger flankieren: „Vom Schulterbiss dieses aufgeblasenen Uruguay-Rowdys Suarez bei der WM hat sich der gute alte Chiellini jedenfalls gut erholt.“ In der Nacht nach dem Unentschieden von Island gegen Portugal hat er zudem so lange die Namen studiert, bis er selbst im Kopfstand noch Gudmundsson von Sigurdsson und natürlich Halldorsson unterscheiden könnte. Und wer hat die beste „Packing-Rate“, und was ist das überhaupt?

Selbst das aber reicht nicht mehr, denn Fußball ist im Feuilleton angekommen. Aus dem Proleten-Sport ist eine zumindest theoretische Beschäftigung für Akademiker geworden. Peter Sloterdijk aufwärts. Keine Ahnung, was der zum Beispiel aus Lukas Podolski rausliest, von dem man aber zumindest wissen sollte, wer ihm den Spruch "Fußball ist wie Schach - nur ohne Würfel" untergeschoben hat.

 Am Ende Zeit malt immer irgendein Fachmann blaue und rote Kringel auf einen Bildschirm, so dass sogar Herr K. offensive Viererketten erkennen kann, die vorher nicht da waren. Er "liest" einfach noch nicht richtig.

 „Wusstest du, dass Chiellini gerade für seinen Master in Wirtschaftswissenschaften büffelt?“, fragt Herr K. seinen sechsjährigen Sohn, der plötzlich in der Tür steht. Der Junge schaut irritiert. „Oder dass Toni Kroos die beste Packing-Rate in der deutschen Elf hat und Cristiano Ronaldo 130 Mal mehr Follower bei Twitter als Island Einwohner?“  Sein Sohn sagt:  „Ich will eigentlich nur'n Deutschland-Trikot… von Schweini.“ Ach, unschuldige Jugend… Herr K. würde jetzt viel lieber ein paar Panini-Bildchen kaufen gehen. Aber er muss noch Özil und Khedira lesen.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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