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09.04.2013

08:08 Uhr

Der Werber-Rat

Absolute Mehrheit

VonInes Imdahl

Wer Teil des Ganzen ist und trotzdem heraussticht, dem gelingt es, viele Menschen hinter sich zu bringen. Das ist ein bekanntes Prinzip, das auch erfolgreiche Werbefiguren genutzt haben.

Sido (Foto) ist der einzige, dem es in Stefan Raabs Format "Absolute Mehrheit" gelang, eine solche zu erreichen. dpa

Sido (Foto) ist der einzige, dem es in Stefan Raabs Format "Absolute Mehrheit" gelang, eine solche zu erreichen.

DüsseldorfIn der Politik wie in der Werbung geht es oft darum, Mehrheiten zu gewinnen und in den sozialen Netzwerken gilt es, Follower zu generieren. Aber die absolute Mehrheit ist ein selten realisierter Traum und eng gekoppelt an die Sorge, dass die Massen in Deutschland erneut rechtsradikalen Idealen blind folgen könnten. Auch für andere, nicht immer sinnige Ziele sind Menschenmassen zu gewinnen. Oft können sie nicht sagen, warum sie folgen.

In seinem Format „Absolute Mehrheit“ zeigt Stefan Raab, dass man mit klaren Meinungen kaum mehrheitsfähig ist. Es wird sogar deutlich, dass dies mit Reden überhaupt schwer möglich ist. Denn der Einzige, der bisher eine absolute Mehrheit erringen konnte, war Sido. Ein Rap-Musiker mit bürgerlichem Namen Paul Würdig. Geredet hat er nicht viel.

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.

Zugehört hat er den anderen auch nicht immer. Das gab er offen zu. Was ihn zum Sieger machte, waren weniger seine Meinungen zur Legalisierung von weichen Drogen, Wahlrecht ab 16 Jahren oder Begrenzung von Boni. Denn er lag gleich von Beginn der Diskussion an mit einer Zustimmung von über 50 Prozent vorne. Seine Fans werden ihm blind gefolgt sein. Damit ist nicht gesagt, dass die Follower grundsätzlich anderer Auffassung sind als er. Nur folgen sie wahrscheinlich aus anderen Gründen: Sie können sich in der weniger redegewandten Position des Rappers eher wiederfinden als in der rhetorischen Überzeugungsarbeit der Politgrößen. Sido verkörpert ihren Mainstream. Schon die äußere Wandlung vom Totenkopfmaskenträger zum braven, gleichwohl modernen Scheitel-Brillen-Outfit zeigt, wie der ehemalige Rüpel-Rapper Aufmüpfiges mit bürgerlich Spießigem versöhnt.

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Ausrasten ohne anzuecken bringt heute Mehrheiten. Denn Ausrasten wird als menschliches Zeichen der Hilflosigkeit gewertet. Solange sich anschließend entschuldigt wird, eckt Sido noch nicht einmal damit an. Vielmehr zeigt er, wie man die Sympathien der Communities sichert und trotzdem auffällt. Teil des Ganzen sein und dennoch herausstechen. Ein Prinzip, das auch erfolgreiche Werbefiguren, wie der Marlboro Mann genutzt haben: Freiheit und Abenteuer tagsüber, aber abends mit der Freundesfamilie am Lagerfeuer sitzen und die gut eingezäunten, spießigen Werte abfackeln.

„Absolute Mehrheit“

Absolute Mehrheit: Die Neuerfindung des Polittalks

Im Wahljahr will Stefan Raab die politische Talkshow neu erfinden. Auf den ersten Blick wird „Absolute Mehrheit“ zwar wie eine konventionelle Runde von Politikern – doch durch ein paar spielerische und finanzielle Elemente setzt sich das Raab-Format weit von der Konkurrenz ab.

Mehr Wettbewerb

Auch bei Raab sitzen Politiker, in der Regel vier aufstrebende, ergänzt durch einen politisch interessierten „Normalbürger“. Aber die Teilnehmer treten gegeneinander an – nach den beiden ersten Runden stimmen die Zuschauer ab, der jeweils letztplatzierte darf zwar weiterreden, scheidet aber aus der Wertung aus.

Mehr Geld

Wer in der letzten Runde die absolute Mehrheit der Stimmen der Zuschauer erringt, gewinnt 100.000 Euro – in bar. Da diese Hürde relativ hoch ist, wurde der Gewinn in den ersten beiden Sendungen nicht ausgezahlt, damit liegt der Jackpot bereits bei 300.000 Euro.

Mehr Risiko

Die Teilnehmer laufen also Gefahr, beim Votum der Zuschauer durchzufallen und sich unmittelbar zu blamieren. Die Politiker müssen volles Risiko fahren – und mit ihrer ganzen Persönlichkeit für sich kämpfen.

Mehr Themen

Die Sendungen sind multithematisch. Nach zehn Minuten sei ohnehin alles gesagt, findet Stefan Raab, daher geht es so weit in die Tiefe, dass nur noch Experten mitkommen. Bei „Absolute Mehrheit“ gibt es daher immer drei Themen.

Kubickis große Show

Die Auftaktsendung fand trotz der späten Sendezeit immerhin 1,8 Millionen Zuschauer, die vor allem Raabs Debüt sehen wollten. Zu den Themen Steuergerechtigkeit, Energiewende und Soziale Netzwerke traten Michael Fuchs (CDU) Thomas Oppermann (SPD) Wolfgang Kubicki (FDP) Jan van Aken (Linke) und die Unternehmerin Verena Delius gegeneinander an. Am Ende triumphierte Kubicki mit 42,6 Prozent.

Ladies Night

Bei der zweiten Sendung schalteten nur noch 800.000 Zuschauer ein. Zur Ladies Night kamen Dorothee Bär (CSU), Yvonne Ploetz (Linke) Linda Teuteberg (FDP), Katja Dörner (Bündnis '90/Die Grünen) und der Musiker Olli Schulz. Es ging um die Frauenquote, die Tugendrepublik Deutschland und  den Mitwahnsinn. Es gewann erneut die FDP, mit 39,9 Prozent.

Sido gegen Buschkowsky

In der dritten Sendung am Sonntag ab 22.50 Uhr geht es um den Drogenkonsum der Jugend, das Wahlrecht ab 16 und die Managergehälter. Eingeladen sind der Berliner  Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD), der Berliner Rapper Sido, Jens Spahn von der CDU, Caren Ley für die Linke und Boris Palmer für die Grünen.

Die Autorin:

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon. Sie ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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