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19.03.2014

21:48 Uhr

Der Werber-Rat

Angst vor Liebesentzug

VonStefan Kolle

Wer Dinge tut, um geliebt zu werden, erreicht oft genau das Gegenteil. Gerade im geschäftlichen Miteinander. Viele Dienstleister legen es zu sehr darauf an, nicht als Bote schlechter Nachrichten dazustehen.

„Tut mir leid, das Projekt ist nicht billiger zu machen.“ imago stock&peopleimago

„Tut mir leid, das Projekt ist nicht billiger zu machen.“

Schlechte Nachrichten in Geschäftsbeziehungen zu überbringen ist den Menschen seit jeher unangenehm. Bei Shakespeare hieß es „Don’t shoot the messenger“, in Sophokles’ „Antigone“ jammert ein Bote, der König Kreon unschöne Kunde überbringen muss: „Niemand liebt den Boten schlimmer Worte.“ 2 456 Jahre sind seit der Uraufführung des Dramas vergangen. Die Furcht, wegen schlechter Botschaften eins aufs Dach zu bekommen, ist geblieben.

Musste der Bote bei Sophokles noch fürchten, von König Kreon einen Kopf kürzer gemacht zu werden, so fürchten wir heute etwas anderes: Liebesentzug. Durch Geschäftspartner. Kunden. Mitarbeiter. Mit dem Ergebnis, dass man sich durch unangenehme Situationen hindurchlaviert oder gleich gar nicht erst anspricht, was im Argen liegt. In einer Studie über die Beziehung zwischen Werbeagenturen und ihren Kunden monierten jüngst viele Werbeleute, dass sie von ihren Kunden schlecht behandelt würden, mit unprofessionellen Briefings arbeiten müssten und für immer weniger Geld immer mehr leisten sollten. Es fehle an Respekt vor ihrer Arbeit.

Stefan Kolle ist Geschäftsführer der Agentur Kolle Rebbe.

Stefan Kolle ist Geschäftsführer der Agentur Kolle Rebbe.

Vielleicht liegt das auch ein bisschen daran, dass viele Dienstleister es zu sehr darauf anlegen, nicht als Bote schlechter Nachrichten dazustehen. „Tut mir leid, das Projekt ist nicht billiger zu machen.“ „Tut mir leid, das Timing ist absurd.“ „Tut mir leid, mit so einem dünnen Briefing können wir nichts anfangen.“ Sätze, die oft ungesagt bleiben. Weil man die Quittung fürchtet: Erst Liebes-, dann Kundenverlust. Das Bild, das durch solch serviles Verhalten auf Kundenseite entsteht, ist verheerend: „Mit denen“, so die Lernkurve, „kann man ja alles machen. Dann machen wir das mal.“ Tristes Ergebnis: Man tut alles, um geliebt zu werden, und verliert jeglichen Respekt.

Verhandlungsexperte Matthias Schranner hat es in einem Interview auf den Punkt gebracht: „Man muss respektiert werden, nicht geliebt.“ Respektiert wird, wer Rückgrat beweist, sich seiner Sache sicher ist und zu dem steht, was er sagt. Menschen, die sich über zu wenig Respekt vonseiten anderer beschweren, sollten prüfen, ob sie im täglichen Miteinander nicht zu sehr darauf achten, geliebt zu werden. Der Bote in Antigone blieb übrigens am Leben.

Der Autor:

Stefan Kolle ist Geschäftsführer Kreation der Agentur Kolle Rebbe in Hamburg. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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