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19.02.2013

11:37 Uhr

Der Werber Rat

Anzüglich nur mit Anzug?

VonInes Imdahl

Sexismus findet sich in der Werbung nicht nur gegen Frauen, sondern auch gegen Männer. Doch wenn es um das Thema Gleichberechtigung geht, sollte das gleiche Maß für alle gelten.

Nach seinem Fauxpass musste sich Rainer Brüder nicht nur von den Karnevalisten einigen Spott und Unmut gefallen lassen. dpa

Nach seinem Fauxpass musste sich Rainer Brüder nicht nur von den Karnevalisten einigen Spott und Unmut gefallen lassen.

In der Sexismus- und Rassismusdebatte ist das Maß verloren gegangen. Äußerungen über das Passen eines Kleides, ob an bayerische Trachtenkultur oder französische Haute Couture angelehnt, haben möglicherweise nur deshalb 'anzüglichen' Charakter, weil sie aus dem Munde eines Anzugträgers stammen.

Mein Ideal deckt sich nicht mit dem amerikanischen, wo Männer aus Angst vor einer Klage wegen sexueller Belästigung den Aufzug verlassen, wenn eine Frau einsteigt. Und ich werde meinen Kindern weiterhin Pipi Langstrumpf im Taka-Tuka Land vorlesen und mit ihnen Mohrenköpfe essen. Natürlich nur, nachdem sie ein paar gesunde Mohrrüben gegessen haben. Diese stehen ja anders als die Köpfe nicht auf der Liste rassistischer Wörter, weil sie aus dem Mohr stammen, nicht aber vom Mohr abstammen, den es ja in unserer Sprache gar nicht mehr geben darf.

Immer mehr Handlungen und Äußerungen stehen aber in Verdacht, rassistisch oder sexistisch zu sein. Dadurch nimmt das Thema beinahe paranoide Züge an und verkompliziert den Umgang mit dem anderen Geschlecht, mit andersfarbigen Menschen ebenso wie mit Kinderbüchern.

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.

Dabei genießen umgekehrt Frauen und Werbetreibende 'Narrenfreiheit': Wörter wie Weichei und Schlappschwanz fallen unter weiblichen Kavaliersdelikt. In einer Samsung-TV-Werbung werden die Männer zu steuerbaren Marionetten, vor denen Mutter wie Tochter laut spekulieren, wie sexy Til Schweiger ist. Andere Männer werden in Sekt- und Elektronikwerbungen zum Sexobjekt degradiert: in der Badewanne für die Freundinnen einfach 'liegen' gelassen oder im Büro in den Po gekniffen. Welchen Aufschrei gäbe es wohl im umgekehrten Fall?

Wenn es um das Thema Gleichberechtigung geht, sollte gleiches Maß für alle gelten: Was gegenüber Frauen Sexismus ist, ist es auch gegenüber Männern. In der Werbung den Spieß einfach umzudrehen und die Männer zu 'diskriminieren' ist kein emanzipierter Schritt in Richtung Gleichberechtigung. Beim Reden über Sexismus sollten wir wieder mehr Gelassenheit walten lassen und stattdessen mehr Kampfgeist entwickeln, wenn es um tätlichen Sexismus wie Vergewaltigungen und abgewiesene Vergewaltigungsopfer geht.

Sicherheitshalber hier aber noch eine Auflistung einiger möglicherweise des Sexismus verdächtiger Wörter aus diesem Text, die aber ganz bestimmt anders gemeint waren: Spieß, umdrehen, Sex(ismus), decken, Mund, sexuell, Taka-Tuka, Weichei, Geschlecht, sexy, Tochter, Sexobjekt, Mutter, Schlappschwanz, Po, Aufschrei.

Die Autorin ist eine von fünf Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Ines Imdahl ist Psychologin sowie Inhaberin und Geschäftsführerin des Rheingold-Salons.

Die Autorin:

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon. Sie ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare (1)

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MikeMaurice

19.02.2013, 13:41 Uhr

Mich als Mann interessiert virtuelle Diskriminierung in Form von medialen Worten und Bildern wenig, das können Frauen von mir aus den ganzen Tag praktizieren, es ist ja schließlich nur Fiktion. Andererseits stellt sich natürlich die Frage, ob konstante Berieselung mit solchen Memen nicht doch den Charakter prägt. Aber auch hier ist der Schaden für Männer eher gering, da sie natürlich die Macht des Faktischen und die Naturgesetze auf ihrer Seite haben. Wirklich florieren können solche Fiktionen nur in weiblich dominierten und wenig der harten Realität ausgesetzten Bereichen wie z.B. im Bildungssystem oder im öffentlichen Dienst. Da jedoch kein Mann gezwungen ist, sich lebenslang in diesen Bereichen aufzuhalten, hält sich das Problem in Grenzen.

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