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04.12.2012

10:11 Uhr

Der Werber-Rat

Bei Geschenken hört die Nächstenliebe auf

VonInes Imdahl

Jedes Geschenk transportiert eine Botschaft. Zwar sind Ratgeber zu diesem heiklen Thema gut gemeint, doch wirklich helfen tun sie nicht. Denn bei Geschenken kommt es auf Beziehungen an – ein psychologisches Minenfeld.

Jedes Geschenk transportiert eine Botschaft – doch welche, das ist nur in den seltensten Fällen abzusehen. dpa

Jedes Geschenk transportiert eine Botschaft – doch welche, das ist nur in den seltensten Fällen abzusehen.

Alle Jahre wieder beginnt die hektische Suche nach Geschenken. Dabei ist der Stress seltener als vermutet zeitlich bedingt. Vielmehr bringt uns das weihnachtlich geballte Schenken und Beschenkt-Werden in Sinn- und Beziehungskrisen. Zeitschriften widmen sich diesem "Notstand" alljährlich mit ultimativen "Geschenkideen" und gut gemeinten Suchstrategien.

Doch es gibt keine Patentrezepte. Egal wie viel Zeit, Liebe und Geld investiert wird, ein Geschenk ist nie nur "altruistisch".

Der Schenkende will sich durch seine Gabe darstellen. Als besonders originell, großzügig oder zumindest als jemand, der an den anderen gedacht hat. Und er nimmt bewusst oder unbewusst Einfluss auf den Beschenkten. Durch Teures kann man aufwerten, durch Billiges abwerten. Stündliche Erinnerungen an eine lockere Bekanntschaft liefert etwa eine lebensbegleitende Uhr. Eine Verwandtschaftsbeziehung wird durch einen Kühlschrank auf Eis gelegt. Jedes Geschenk enthält eine Botschaft: So sehe ich dich. So will ich von dir gesehen werden.

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.

Durch die Annahme des Geschenks wird auch der Beschenkte verändert. Neues und bisher Fremdes beeinflusst seinen Alltag. Das kann eine "Bereicherung" sein, aber auch eine Festlegung oder Einschränkung. Nicht immer fühlt man sich wohl in der Kategorie, in die man durch das Geschenk gesteckt wird.

Und mit seiner Reaktion nimmt der Beschenkte Einfluss auf die Beziehung. Zurückgewiesene Geschenke sind extrem unangenehm. Man fühlt als Schenkender, dass nicht nur das Geschenk abgelehnt wird, sondern man selbst gleich mit "weggemacht" wird.

Sicher kann man sich nie sein. Denn welche Deutungen dem Geschenk entnommen werden, ist kaum abzusehen. Vor allem kann man sich selbst nicht über den Weg trauen. Ein Geschenk aus reiner Nächstenliebe gibt es nicht. Was wir dem Beschenkten gerne geben oder sagen wollen, ist uns oft selbst nicht bewusst.

Das "passende" Geschenk zu suchen, ist vor allem deswegen schwierig, weil es dabei immer auch um unser Selbstbild geht. Und um die Beziehung, die wir zu den Beschenkten haben möchten. Diese existenziellen Auseinandersetzungen muten wir uns jedes Jahr in der "besinnlichen" Adventszeit zu. Und das ist Stress.

Die Autorin:

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon. Sie ist eine von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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