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28.01.2013

07:46 Uhr

Der Werber-Rat

Burnout wird zum Wettbewerb

VonInes Imdahl

Wer Leistung zeigen will, muss sich anstrengen. Wer sich ewig anstrengt, leidet früher oder später unter Burnout. Statt die Flucht aus diesem Kreislauf zu probieren, brüstet der Mensch sich sogar noch mit seiner Erschöpfung.

Depressionen am Arbeitsplatz: Die persönliche Leistungsfähigkeit ist ein zentraler Wert – und das bis ins hohe Alter. dpa

Depressionen am Arbeitsplatz: Die persönliche Leistungsfähigkeit ist ein zentraler Wert – und das bis ins hohe Alter.

Neben der grippalen Anfälligkeit im Winter zeigt sich in Deutschland derzeit häufiger noch ein weiteres Symptom: die Erschöpfung. Früher gab es häufiger die Diagnose Erschöpfungsdepression. Entscheidend dabei ist nicht nur die Arbeit, die zur Erschöpfung beigetragen hat. Entscheidend ist auch die persönliche Ohnmacht, keinen Ausweg aus der misslichen Situation zu finden.

Stellt sich Traurigkeit ein bei dem Gedanken, dass die Tortur sich fortsetzt bis in alle Ewigkeit, dann spricht man von einer Erschöpfungsdepression, heute inflationär als Burnout bezeichnet. Zwar ist dieser Begriff noch nicht final mit einem Krankheitsbild hinterlegt, aber es darf angenommen werden, dass es viele Überschneidungen gibt.

Was bei der Arbeit stresst

Verantwortung

Was sorgt im Büro für Stress? Der Personaldienstleister Robert Half hat im höheren Management nach den wichtigsten Gründen gefragt. Dabei gaben 18 Prozent der Befragten zu viel Verantwortung oder ständiges an die-Arbeit-denken auch in der Freizeit als Grund für Stress bei der Arbeit an. Nur in Tschechien können die Beschäftigten außerhalb des Arbeitsplatzes schwerer abschalten - dort gaben 28 Prozent an, dauernd an die Arbeit denken zu müssen. Auf der anderen Seite der Skala ist Luxemburg: nur fünf Prozent haben dort dieses Problem.

Stressfrei

Keinen Stress haben dagegen nur sieben Prozent der deutschen Befragten. Genauso niedrig ist der Anteil derer, die ihren aktuellen Job nicht mögen.

Druck von oben

Unangemessener Druck vom Chef nannten 27 Prozent der Befragten hierzulande als Stressgrund. In Brasilien sind es dagegen 44 Prozent.

Chefqualitäten

Wenn der Chef sich eher um sein Handicap kümmert, statt ordentlich zu führen: 28 Prozent der Befragten sind mit der Managementfähigkeit des Chefs unglücklich. Das Unvermögen des führenden Managers, das zu Stress führt, scheint in Luxemburg relativ unbekannt zu sein - nur 11 Prozent der Befragten sind dort mit den Befragten unglücklich, in Dubai sind es gar neun Prozent.

Büroklatsch

Dass unangenehme Kollegen oder fieser Büroklatsch zu Stress führen kann, ist allgemein bekannt. Dementsprechend führen auch 31 Prozent der Befragten das als Stressgrund an - der Anteil derer, die das ähnlich sehen, liegen in allen anderen Ländern fast gleich hoch - außer in Brasilien: 60 Prozent der Befragten geben unangenehme Kollegen und fiesen Büroklatsch als Stressgrund an.

Unterbesetzung

Ein weitere Stressgrund: personelle Unterbesetzung. 41 Prozent der Befragten sehen das als wichtigen Grund für Stress bei der Arbeit an - ein Wert, der fast in allen Ländern ähnlich ist.

Arbeitsbelastung

Doch am problematischsten, laut der Studie: die hohe Arbeitsbelastung. 51 Prozent der Befragten gaben dies als Stressgrund an. Deutschland liegt damit im Schnitt, auch in den anderen elf Ländern ist ein ähnlich hoher Anteil der gleichen Meinung.

Allerdings ist kaum zu vermuten, dass die Menschen derzeit mehr Arbeit oder mehr Nöte haben als die damaligen Trümmerfrauen oder die Bergbauern mit ihren kargen Böden. Das Bedrückende ist heute eher "gefühlt".

Denn inzwischen sind Leistungsfähigkeit und Jugendlichkeit bis ins hohe Alter zentrale Werte. Wir konkurrieren nicht nur beruflich darum, wer mehr zu tun hat oder mehr Aufgaben gleichzeitig erledigen kann. Privat reden wir auf 50. Geburtstagen stolz über persönliche Marathonbestzeiten und Skiurlaube auf der Off-Piste. Im Nebensatz wird bemerkt, dass alle deutlich jünger aussehen als sie sind. Bis auf Helmut (Name frei erfunden), aber der sieht auch schon seit Jahren alt aus. Zugleich verspüren wir jedoch, dass auch unsere Reserven einmal erschöpft sind. Im nationalen und im persönlichen Rahmen.

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.

Unbewusst erleben die Deutschen die Mitverantwortlichkeit für die Schulden vieler Länder als bedrückend. Und um persönlich leistungsfähig zu bleiben, müssen wir uns paradoxerweise immer mehr abverlangen, uns fit halten, uns ein Leben lang weiterbilden und länger arbeiten.

Um zu demonstrieren, wie sehr wir uns anstrengen, entwickeln wir Burnouts. Der Erschöpfungsgrad ist beinahe schon so etwas wie ein eigenes Leistungsmerkmal. Es gibt einen regelrechten Erschöpfungswettbewerb. Je erschöpfter wir sind, desto mehr haben wir geleistet.

Zentral ist nun die Prognose: Schöpfen wir aus der Erschöpfung neue Kraft für ein weniger wettbewerbsorientiertes Leben? Oder haben wir das Gefühl, dass es immer so weitergeht? Dann schliddert Deutschland in eine echte Depression.

Ines Imdahl ist Psychologin sowie Inhaberin und Geschäftsführerin des Rheingold-Salons. Sie ist eine von fünf Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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