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14.10.2014

09:07 Uhr

Der Werber-Rat

Chemieunterricht für Werber

VonArmin Jochum

Früher wurden Aufträge in der Werbebranche aus dem Bauch heraus vergeben, bei Rostbraten und Trollinger. Heute laufen aufwendige Ausschreibungsverfahren, stressen die Beteiligten – die Ergebnisse sind auch nicht besser.

Computerspielefirma in Berlin: Die Kennenlern- oder „Chemistry-Meetings“ in der Werbebranche gehen laufen weniger gemütlich ab. dpa

Computerspielefirma in Berlin: Die Kennenlern- oder „Chemistry-Meetings“ in der Werbebranche gehen laufen weniger gemütlich ab.

Wenn Sie sich in letzter Zeit öfter mal fragen, wo sich Ihre Agentur so rumtreibt, und immer öfter der Begriff Chemistry-Meeting an Ihr Ohr weht, dann befindet sich Ihre Agentur wahrscheinlich gerade in einer irre aufwendigen Neugeschäftsanbahnung.

Wo sich früher noch bei Rostbraten und Trollinger reichlich Gelegenheit fand, sein Gegenüber näher zu studieren und rauszufinden, ob man wohl gemeinsam den Bund fürs Leben schließen würde, sitzen Werber heute in oben genannten Gesprächen.

Wer jetzt an ein Lehrerzimmer im Kuschelrock-Modus denkt, liegt falsch. Zunächst erhält man von einem der beauftragten Pitchberater einen geheimnisvollen Anruf. Dann sitzen studierte Fachleute über einem Fragenkatalog, dessen Umfang gut und gerne an die Ausschreibung eines neuen Berliner Flughafens erinnert.

Nach vielen Tagen und zahlreich verbrauchten Tonerkartuschen gibt man dann das Datenkonvolut wieder beim Pitchberater ab. Der sammelt, sichtet und zieht Schlüsse. Dann ruft wieder jemand an und sagt Sachen wie: „Sehr gut, aber wieso betreuen Sie diesen schwäbischen Stützstrumpf-Hersteller? Mit dem hat unser Auftraggeber ein Problem.“ – Cool bleiben.

Eventuell schaffen Sie es ja trotzdem in das Kennenlern-Meeting. Meist leider nicht an gedeckter Vespertafel, sondern in mit grünen Papiertischdecken bespannten Verhörzimmern. Sie haben exakt 20 Minuten Zeit, Ihre Firma, Ihre besten Leute und erste Gedanken zur Aufgabe auszubreiten. Stress pur.

Armin Jochum ist Vorstand Kreation und Co-Gründer der Agentur Thjnk.

Armin Jochum ist Vorstand Kreation und Co-Gründer der Agentur Thjnk.

Neulich klickte ich unsere Präsentation aus Versehen zu schnell, der Film lief nicht, die falsche Übersicht an der Wand. Ich war geliefert. Das war mir in der Sekunde klar. Schuhe geputzt, Windsor-Knoten, Visitenkarten abgezählt. Und dann das.

Ich vermute, dass es auch für den potenziellen Auftraggeber nicht nur unterhaltsam ist, dieses Adrenalin-Spaßbad zu betreten. Was soll man machen? Die Herausforderungen an Unternehmer werden jeden Tag größer. Der Wettbewerbsdruck auch. Wie schütze ich mich da vor einer falschen Agenturentscheidung?

Machen Sie den Beamer aus, schalten Sie auf Bauchbetrieb. Legen Sie die Tabellen für einen Moment zur Seite. Bestellen Sie einen Rostbraten.

Der Autor:

Armin Jochum ist Vorstand Kreation und Co-Gründer der Agentur Thjnk. Er ist einer von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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