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27.08.2012

07:31 Uhr

Der Werber-Rat

Culture Clash im Internet

VonBodo Hombach

Das Internet überwindet räumliche Grenzen, nicht aber geistige oder kulturelle Konflikte. Viele entstehen erst durch das Netz, dort wo verschiedene Kulturkreise und Moralvorstellungen ungebremst auf einander treffen.

Zwei afghanische Mädchen surfen im Internet. Im internationalen Web kommt es schnell zum „Culture Clash". dapd

Zwei afghanische Mädchen surfen im Internet. Im internationalen Web kommt es schnell zum „Culture Clash".

Der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick berichtete: Als 1944 Hunderttausende amerikanischer GIs in Südengland auf den Beginn der Invasion warteten, gab es in den Pubs dauernd Ärger mit den einheimischen Mädchen. Denn die Schrittfolge vom ersten Flirt über Zwischensteps bis zum Sprung ins Bett verlief unterschiedlich. Für die Jungs stand der erste Kuss ganz früh auf dem Programm, er hatte nicht viel zu bedeuten. Für die Mädchen war er aber schon das Vorletzte. Für sie ging es damit ums Ganze. Also setzte es Ohrfeigen, und die Jungs verstanden die Welt nicht mehr.

So kann's kommen: Man steht an der Theke, und der Nachbar entpuppt sich quasi als Außerirdischer. Er lebt entweder in der Vergangenheit - oder aber in der Zukunft. In einer Zeit jedenfalls, die seinem Gegenüber fremd ist, die er nicht versteht. Aber auch unterschiedliches Wissen oder eine unterschiedliche Kultur kann zwei Menschen trennen.

Autor Bodo Hombach ist Jurymitglied für die Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Autor Bodo Hombach ist Jurymitglied für die Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Das alles ist kein Problem, wenn man sich nie begegnet - so wie das früher die Regel war. Alle Menschen bewegten sich auf vergleichsweise engem Raum, im gleichen Kulturkreis. Meere und Gebirge schützten vor fremden Einflüssen. Kaum jemand reiste, schließlich war das mühsam und teuer. Und wenn er es tat, stellte er sich auf Überraschungen ein.

Heute aber ist das Gedränge groß und die Mobilität ungebremst. Das Web durchbricht das Raum-Zeit-Kontinuum - ohne dass dies den Nutzern klar ist. Bewusstseinszustände von heute und gestern rasen ungebremst aufeinander zu. Wenn sie sich zu plötzlich begegnen, entsteht Reibungshitze, und die erreicht rasch die Zündtemperatur schwerer Konflikte.

Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Provinzzeitung des 21. Jahrhunderts - so what! Aber per Internet platzten sie mitten in die islamische Gesellschaft des 15. Jahrhunderts. Präsident Barack Obama hält gleichgeschlechtliche Partnerschaften für akzeptabel. Wird er nun am Bibelgürtel des Mittleren Westens scheitern, wo noch die Moral der Pilgerväter gilt?

Das Internet überwindet nahezu alle Grenzen. Zugleich verkürzt es den rettenden Bremsweg im "clash of cultures". Ganze Kulturen werden daran zerbröseln oder sich tiefgreifend wandeln. Die sind nicht nur gestrig. Sie haben auch alte Schätze an Erfahrungen, die Artenschutz verdienen. Soll geschichtsloses Rowdytum gelten? Wir brauchen eine neue Form interkultureller Höflichkeit, um das Zusammenleben auf dem engen, weiten Raum des Internets zu ermöglichen.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Hochschullehrer und ehemaliger WAZ-Chef. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare (1)

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Diogenis

27.08.2012, 08:37 Uhr

Allein der 'Culture Clash' in Europa ist bemerkenswert. Erschreckend wie weit sich gerade der gemeine Deutsche von den deutschen Falken, von Goethe, Schiller, Voß, Hegel, Nietzsche, Hölderlin, Heidegger, A. Humboldt usw. entfernt hat und sich auf Grund des flüchtigen wirtschaftlichen Erfolg der letzten Jahrzehnte sich vorzugsweise in kultureller Borniertheit, deutsch-nationalem Gehabe übte und sich nachhaltig wieder ins Abseits der europäischen Völkergemeinschaft drängt.

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