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26.06.2012

21:43 Uhr

Der Werber-Rat

Das eigene Personal als Werbetrommler

VonFrank Dopheide

Ob singende Obi-Angestellte im Baumarkt oder Tchibo-Damen in Kaffee-Plantagen: Unternehmen setzen für ihre Werbekampagnen immer häufiger auf die eigenen Mitarbeiter. Das kommt nicht nur gut an - es ist auch günstiger.

Tchibo nutzt seine Filialdamen nun auch als Botschafterinnen. Tchibo

Tchibo nutzt seine Filialdamen nun auch als Botschafterinnen.

Nie waren Mitarbeiter als Werbefiguren so begehrt wie heute. Wohin man auch blickt, legt sich das eigene Personal für das Unternehmen ins werbliche Zeug: Obi-Angestellte singen aus voller Brust Lobeshymnen auf den Baumarkt, Intel zelebriert seine Entwickler wie Rockstars und nun zerrt Tchibo Frau Wachhausen aus der Erlanger Filiale in den Werbeblock. Warum eigentlich?

Testimonials, die werblichen Fürsprecher, haben sich seit Jahrzehnten bewährt. Früher genügten ein paar Hundert Mark, schon saß der junge Franz Anton Beckenbauer im FC-Bayern-Trikot vor der heimischen Schrankwand und predigte "Kraft in den Teller, Knorr auf den Tisch" in die Kamera. Heute rufen ein Fußballgott und seine Mitstreiter der höchsten Promi-Liga schon mal bis zu eine Million Euro auf, um sich verkäuferisch zu engagieren.

Der Aufbau erdachter Markenfiguren gewann an Charme. Herr Kaiser und Freunde unterlagen dem Schönheitsgesetz der Werbebranche - sie waren hübscher und netter als ihre Vertreter, die an unserer Haustür klingelten. Herr Kaiser machte zwar eine gute Figur, blieb aber letztendlich eine personifizierte Werbetrommel.

Heilsalbe auf verletzte Seelen

Authentizität war angesagt und wurde zum neuen Lieblingswort in den Casting-Beschreibungen. Was liegt da näher, als die Mitarbeiter zu rekrutieren? Sie sind günstiger als Thomas Gottschalk, und ihr Engagement erzeugt gleichzeitig eine starke Wirkung nach innen.

Frank Dopheide ist Inhaber der Agentur Deutsche Markenarbeit.

Frank Dopheide ist Inhaber der Agentur Deutsche Markenarbeit.

Das ist heute der alles entscheidende Punkt: die Steigerung der persönlichen Identifikation mit dem eigenen Unternehmen. In den Zeiten von Outsourcing und Restrukturierung hat die Bindung an den eigenen Arbeitgeber schwer gelitten. Der wirtschaftliche Schaden durch innere Kündigung der eigenen Mannschaft wird für die deutschen Unternehmen auf 110 Milliarden Euro berechnet.

Mit dem Stolz und dem Zugehörigkeitsgefühl der Mitarbeiter wächst auch der Profit. Den eigenen Mitarbeiter auch werblich in den Mittelpunkt der Unternehmenskommunikation zu stellen, wirkt wie wohltuende Heilsalbe auf verletzte Seelen. Es setzt ein weithin sichtbares Zeichen in die eigene Belegschaft - ihr seid wichtig - und ihr seid das Gesicht unseres Unternehmens. Entschlossen werden weder Kosten noch Mühen gescheut, um die Männer und Frauen an der Front breitenwirksam in die Öffentlichkeit zu heben.

Heute läuft also Frau Wachhausen durch den Werbeblock und preist uns Tchibo an - ehe sie uns am anderen Morgen in der Erlanger Filiale den Kaffee mahlt.

Sie macht ihre Sache gut.

Der Autor:

Frank Dopheide ist Inhaber der Agentur Deutsche Markenarbeit. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare (1)

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opsat

27.06.2012, 13:17 Uhr

Man könnte auch sagen das hiermit der -letzte?- Trumpf ausgepielt wird.
Ein Großteil der potientiellen Kunden hat mittlerweile erkannt das es schwachsinnig ist ein Produkt zu kaufen weil sich ein Prominenter daneben hat fotografieren lassen bzw. noch nichtmal das: sondern sich hat elektronisch ins Bild reinmontieren lassen. Dazu ein bißchen Geplapper, auf Wiedersehen.
Die darauf folgenden "Testurteile" und "Kundenzufriedenheitswerte" sind auch schon auf dem absteigenden Ast. Auch hier ist wahrnehmbar das das alles keiner mehr glaubt.
Mir selbst sind die Augen aufgegangen als mir einmal ein Blatt vorgelegt worden wo mir nahegelegt wurde bei der folgenden Befragung auf der Skala von "Äußerst zufrieden" bis herunter zu "zufrieden" (der Rest wurde gleich weggelassen) doch bitteschön das "Äußerst" zu wählen, denn "Zufrieden" wäre die Note 3 und heißt in Wirklichheit "Unzufrieden" - nur damit ich das verstehe.

Also nehmen wir "echte Kunden" und legen ihnen die Worte "exzellent", "ausgezeichnet" in den Mund und lassen Sie einfach das Gegenteil von dem behaupten von dem für was die Firma allgemein kritisiert wird - solange bis es dem letzten zu den Ohren rauskommt.
Nun also die Mitarbeiter. Ja, sie sind aus naheliegenden Gründen am glaubwürdigsten und irgendwie auch angenehmsten - aber Werbung bleibt so was Sie immer war: Etwas für die leicht Beeinflußbaren und Naiven.

Gern anschauen würde ich mir nur echte Information mit einem Schuß Witz und Selbstironie wenn angebracht.

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